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10.7.11

Hauffs "Die Geschichte von dem kleinen Muck" - Inhalt und Interpretation

Inhalt

„Die Geschichte von dem kleinen Muck“ ist ein sehr bekanntes Märchen aus der „Karawane“. Am Anfang steht die Schilderung der Titelgestalt:

Der kleine Muck nämlich war schon ein alter Geselle, als ich ihn kannte; doch war er nur 3-4 Schuh hoch, dabei hatte er eine sonderbare Gestalt, denn sein Leib, so klein und zierlich er war, mußte einen Kopf tragen, viel größer und dicker, als der Kopf anderer Leute; er wohnte ganz allein in einem großen Haus, und kochte sich sogar selbst, auch hätte man in der Stadt nicht gewußt, ob er lebe oder gestorben sei, denn er ging nur alle 4 Wochen einmal aus (S. 78).

Er trägt einen Dolch und überdimensionierte Pantoffeln – er hat alle Attribute eines Außenseiters. Es sind jedoch Andenken an seinen Vater, die er in Ehren hält. Die erschreckende äußere Erscheinung wird ein Anlass zum Spottgelächter. Der Erzähler hänselt mit seinen Freunden den kleinen Muck. Das führt dazu, dass sein Vater ihm die Geschichte des kleinen Mannes erzählt. Hauff zeigt, dass auf Äußerlichkeiten beruhende Urteile voreilig sind.

Selbst der Vater des kleinen Mucks verweigerte ihm die Liebe, weil er sich seiner Zwerggestalt schämte, und ließ ihn daher auch in Unwissenheit aufwachsen (S. 80). Nach seinem Tode vertrieben ihn die Verwandten aus seinem Hause. Dann musste Muck sein Glück in der Welt suchen. Er begab sich auf eine Abenteuer- und Bildungsreise. Zuerst war er ein Bediensteter der Frau Ahavzi. Sie behandelte ihn schlecht, im Gegensatz zu ihren Katzen, um die er sich kümmern musste. Als sie offen ungerecht gegen ihn wurde, ihn um seinen Lohn betrog, beschloss er, sie zu verlassen und sich den ausstehenden Lohn zu nehmen. So findet er die magischen Requisiten, zwei scheinbar unbedeutende Gegenstände – es sind an Siebenmeilenstiefel erinnernde Pantoffeln und ein Spazierstock, mit dem man Gold und Silber im Boden finden kann.

Weiterhin gerät er in den Dienst eines Herrschers, der ihn auch nicht als einen Menschen wahrnimmt. Der kleine Muck erwirbt sich Bewunderer und Neider, als er das von dem König vorgeschlagene Wettrennen mit dem schnellsten Läufer gewinnt. Mit dem Gold, das er im Schlosshof findet, will er sich Freunde kaufen – es ist ein unkluges Handeln: Aber schon daran konnte man erkennen, daß der gute Muck keine gar sorgfältige Erziehung genossen haben mußte, sonst hätte er sich wohl nicht einbilden können, durch Gold wahre Freunde zu gewinnen (S. 91). Der Schatzmeister Archaz beschuldigt ihn, das Gold gestohlen zu haben. Er fällt zum Opfer der Intrigen anderer Diener am Hof. Der König nimmt ihm die magischen Requisiten ab und nach kurzer Gefangenschaft verbannt er ihn. Es ist ein Wendepunkt in seinem Leben – er wird zum schwermütigen, verschlossenen und unzugänglichen Einsiedler. Die Welt verliert für ihn seinen Reiz, er bricht zusammen, verzweifelt an den Menschen und plant seinen Hungerstod. Wie erwartbar, wird der Herrscher exemplarisch bestraft, als der Muck ihm und seiner Familie mittels verzauberter Feigen Eselsohren und verlängerte Nasen wachsen lässt. So werden sie dem Gelächter preisgegeben. Dann befreit er die edlen Häupter von diesem ungewöhnlichen Schmuck – bis auf den König. Trotzdem bleibt er ein Einzelgänger – es ist ein Beispiel für Hauffs Spiel mit Lesererwartungen und Stereotypen.

Hauffs Beitrag zur zeitgeschichtlichen Kritik

Das Märchen ist eine Satire einer Landes- und Herrschaftsstruktur, die derjenigen des deutschen Bundes entspricht. Höhepunkt der Satire ist die Szene, in der die Feigen genossen werden. Bei Verteilung wird die Rangordnung am Hofe widergespiegelt. Der König behält die meisten Feigen für sich, was seinen Machtgebrauch darstellt (vgl. NEUHAUS 2002: 106-107). Der Untertan, der seinen Glauben an eine soziale sittliche Ordnung verloren hat, hält Gericht über seinen König, der im Lande nach eigenem Ermessen schaltet und waltet: Treuloser König (...) der du treue Dienste mit Undank lohnst, nimm als wohlverdiente Strafe die Mißgestalt, die du trägst. Die Ohren laß ich dir zurück, damit sie dich täglich erinnern an den kleinen Muck (S. 97) (vgl. NEUHAUS 2005: 187). Der Herrscher bringt seinen Untertanen zur Erkenntnis der Herrschaft des Unrechts in der Welt, verletzt seine Menschenwürde und individuelle Ehre. Der König kennt kein Gerechtigkeitsgefühl. Der kleine Muck rechnet auf seine eigene Weise mit ihm ab, da er über eine anonyme Macht verfügt. Es ist eine grimmige, schnelle Rache, eine eigenartige Genugtuung. Dem unscheinbarsten Menschen im Lande gelingt es, den Mächtigsten zu überlisten und ihn zur Rechenschaft zu ziehen (vgl. WUERTH 1966: 206). Das Ende kann als demokratisch bezeichnet werden. Hauff codiert die zeitgeschichtliche Kritik - das Schreiben unter Zensurbedingungen verlangte politisch korrekte Anspielungen. Deswegen kann „Die Geschichte von dem kleinen Muck“ als eine Parabel über die erhofften Wirkungsmöglichkeiten der Literatur gelesen werden (vgl. NEUHAUS 2002: 106-107).

Desillusionierung

Wie bereits erwähnt, zeigt Hauff, dass das Äußerliche kein Maßstab ist, einen Menschen zu beurteilen. Der kleine Muck wird angesichts seiner Missgestalt ausgelacht und verachtet. Anfangs ist er von naiven Zukunftsträumen erfüllt, ferner verliert er die Illusion vom großen Glück, um endlich in die Isolation zu fliehen (vgl. WÜHRL 1984: 194). Der Erzähler will Mitleid, Verständnis, Mitgefühl für ihn wecken. So weist er oft auf seine körperlichen Schwächen hin: denn seine kleinen Glieder versagten ihm beinahe gänzlich ihren Dienst (S. 81), denn das Körperlein des kleinen Muck, das einen so schweren Kopf zu tragen hatte, konnte nicht viel aushalten (S. 86), Seine Armen waren ganz schwach, sein Spaten aber groß und schwer (S. 90), Aber seine schwachen Kräfte reichten nicht hin, den Topf zu heben (ebd.). Trotzdem hegt er eine feste Überzeugung, in der weiten Welt sein Glück zu finden und scheint gegen alle Härten des Schicksals gewappnet zu sein. Seine Wandlung vom unbekümmerten Kind zum verbitterten Mann führt ihn an den Rand des Todes. Trotzdem besitzt die Geschichte einen heiteren Stimmungsgehalt, der durch die Verzweiflung und Verbitterung des Protagonisten verdüstert wird (vgl. BECKMANN 1976: 33-34, 37).

Motivik

Das Reise- und Heimkehrmotiv sind die Leitmotive des Märchens. Eine Voraussetzung für ein Abenteuer ist der Auszug in die Welt. Mucks Glückssuche ist insofern erfolgreich, als er als ein reicher Mann in seine Heimatstadt zurückkommt. Das Glück ist das Ziel aller seiner Bemühungen. Er führt jedoch weiter ein einsiedlerisches Leben und verachtet die Menschen. Ebenso wichtig scheint das Erlösungsmotiv zu sein: während der kleine Muck erlöst wird, bleibt sein Gegner für immer unerlöst. Das Rachemotiv gewinnt eine besondere Bedeutsamkeit, denn der Erzähler weckt für die Rachenahme des Helden keine Ablehnung, sondern Verständnis. Zur „typischen“ Märchenmotivik gehören magische Pantoffeln, Zauberstäbchen sowie Zauberfeigen (vgl. ebd., 62-65, 67). Die Funktion von diesen magischen Requisiten ist es, die Habgier und Bosheit der Hofdiener, des Königs zu entlarven (vgl. WÜHRL 1984: 194). Im Märchen fehlt auch das Motiv der Verwandlung nicht, das in der ganzen Romantik anwesend ist. So wird von dem Glück suchenden Muck erzählt: wenn er einen Scherben auf der Erde im Sonnenschein glänzen sah, so steckte er ihn gewiß zu sich, im Glauben, daß er sich in den schönsten Diamant verwandeln werde; sah er in der Ferne die Kuppel einer Moschee wie Feuer strahlen, sah er einen See wie einen Spiegel blinken, so eilte er voll Freude darauf zu, denn er gedachte, in einem Zauberland angekommen zu sein. Aber ach! Jene Trugbilder verschwanden in der Nähe (S. 80). So muss der kleine Muck die objektive Wirklichkeit als das anerkennen, was sie ist. Die Hoffnung, der Scherben würde sich in einen Diamanten verwandeln, resultiert aus seiner kindlichen Unerfahrenheit. Er muss erkennen, dass er sich in einer Welt befindet, in der die Dinge bleiben, was sie sind (vgl. JASCHEK 1957: 23-24). Zu akzentuierten Momenten gehört der Moment der Offenbarung – durch eine zufällige Entdeckung wird Muck auf eine neue Bahn geleitet: das Hundlein führte ihn in die Schlafkammer der Frau Ahavzi, vor eine kleine Türe, die er nie zuvor dort bemerkt hatte (S. 85). Der Zufall deutet ihm an, wo das Wunderbare beginnt (vgl. BUCHMANN 1910: 92-93). Das Motiv der Verkleidung bleibt nebengeordnet, Mucks Demaskierung ist ein Bestandteil seiner Rache (vgl. BECKMANN 1976: 64-65). Eines der Hauptthemen des Märchens ist die Relativierung von Grenzen. Schon am Anfang erfährt der Leser, dass der kleine Muck ein alter Geselle war (S. 78).

Abschließend darf wohl gesagt werden, dass „Die Geschichte von dem kleinen Muck“ weitgehend die Kriterien des romantischen Kunstmärchens erfüllt. Es fehlen zwar Zeitangaben, aber der Erzähler verzichtete bewusst auf Zeitverhältnisse. Es lässt sich nicht ausmachen, ob die Handlung mehrere Wochen oder Monate in Anspruch nimmt. Sie mag auch über ein Jahr dauern. Hauff schildert einen Reifeprozess und der lässt sich nur als längerer zeitlicher Prozess glaubwürdig machen. Ausgangspunkt aller Geschehnisse in der „Karawane“ ist das Morgenland (vgl. BECKMANN 1976: 51-52). Die Handlung des Märchens spielt sich anfangs in Nicea ab, die Städte, in denen Muck dann jeweils kurz bleibt, werden nur als „große Städte“ bezeichnet. Die typischen romantischen Motive wurden bereits genannt und ausgelegt. Der Ausgang des Märchens ist schlecht – Muck bleibt ein Außenseiter, ein Einsiedler. Der Leser bekommt einen Einblick in ein komplexes Weltbild, beobachtet charakteristische Schauplätze, setzt sich mit gemischten, mehrdimensionalen, psychologisierten Figuren auseinander, die in einer konkreten Gesellschaft gezeigt werden. Bei der Glückssuche trifft Muck auf wunderbare Gegenstände – es ist gemeinsames Merkmal für Volks- und Kunstmärchen (vgl. NEUHAUS 2005: 8-9).

Primärliteratur:

HAUFF, Wilhelm (1825): Die Geschichte von dem kleinen Muck. In: Sämtliche Märchen. Hrsg. von Hans-Heino Ewers (2003). Stuttgart: Philipp Reclam jun.

Sekundärliteratur:


BECKMANN, Sabine (1976): Wilhelm Hauff. Seine Märchenalmanache als zyklische Kompositionen. Bonn: Bouvier Verlag.

BUCHMANN, Rudolf (1910): Helden und Mächte des romantischen Kunstmärchens. Beiträge zu einer Motiv- und Stilparallele. Leipzig: H. Haessel Verlag. In: Walzel, Oskar F. (Hrsg.) (1976): Untersuchungen zur neueren Sprach- und Literaturgeschichte. Hildesheim: Verlag Dr. H.A. Gerstenberg.

JASCHEK, Agnes (1957): Wilhelm Hauff. Stellung zwischen Romantik und Realismus. Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades von der Philosophischen Fakultät der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main.

NEUHAUS, Stefan (2002): Das Spiel mit dem Leser. Wilhelm Hauff: Werk und Wirkung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

NEUHAUS, Stefan (2005): Märchen. Tübingen / Basel: A. Francke Verlag.

WÜHRL, Paul-Wolfgang (1984): Die Heimkehr des Romantikers ins Biedermeier: „Hauffs Märchen“. In: Das deutsche Kunstmärchen. Geschichte, Botschaft und Erzählstrukturen. Heidelberg: Quelle & Meyer, 191-200.

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