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8.8.12

"Die Verwandlung": eine ungezieferhafte Erscheinung des inneren Zustands

Der Protagonist, Gregor Samsa, erwacht eines Tages als Ungeziefer (von der Größe eines Menschen). Die Familie besteht aus vier Personen: die Eltern, Gregor und die Schwester. Gregor verdient das Geld. Die Schwester ist 17. Der Vater sitzt nur im Schlafrock, ist nicht so kränklich und schwächlich, wie er sich gibt. Die Mutter ist krank (Asthma). Der Vater hatte eine Firma, die pleite gegangen ist. Er ist eine Herrscherfigur. Gregor arbeitet bei einer Firma als reisender Händler, um die ganze Familie unterhalten zu können. Er ist mit der Arbeit unzufrieden, es ist eine ungeliebte, verhasste Arbeit. Er hat kein Privatleben, er schuftet. Er behält nur ein paar Gulden für sich, ist vorsichtig und sparsam. Seine Lieblingsbeschäftigung ist Studieren der Fahrpläne, er ist oft geschäftlich unterwegs, sehr oft außer Haus, was eine Art Flucht vor angespannten, komplizierten Familienverhältnissen sein sollte.

Gregor arbeitet seit fünf Jahren, ist noch nie krank gewesen. Er muss Schulden seines Vaters zurückbezahlen, sonst hätte er längst gekündigt. Er ist ein introvertierter, kontaktarmer, ängstlicher, autoritätsgläubiger Mensch. In seiner Militärzeit war er Leutnant. Außer seiner Arbeit hat er nur Hobbys, denen er nach der Arbeit nachgeht (Studieren der Fahrpläne, Laubsägearbeiten – er hat einen Kasten mit Laubsäge und anderem Werkzeug). Er leidet unter der Autorität des Vaters, der das Sagen in der Familie hat.

Als Gregor eines Tages erwacht, ist er schockiert, kann sich nicht bewegen, sich nicht anziehen. Die Familie muss nach der Verwandlung zu arbeiten beginnen. Gregor ist dann für sie überflüssig. Die Familienmitglieder wollen mit ihm nichts zu tun haben, nur die Schwester gibt ihm das Essen. Niemand will ihm helfen. Er bleibt sich selbst überlassen, fühlt sich ungeliebt, seine Familie will ihn so schnell wie möglich loswerden. Gregor wird in seinem Zimmer versperrt, nur seine Schwester traut sich ihm zu nähern. Er war so lange wichtig, wie lange er arbeiten konnte. Jetzt braucht ihn keiner. Er muss erkennen, dass er sinnlos gearbeitet und sich gequält hat.

Die Verwandlung ist eine Metapher, sie sollte nicht wörtlich verstanden werden. Gregor hat es zwar nie gesagt, aber er wollte nicht mehr so leben wie vor der Verwandlung. Er hat ein sehr monotones Leben geführt. Er hat seine Arbeit nie gemocht, er hat sich daran gewöhnt, dass er arbeiten muss. Innerlich war er damit nicht einverstanden. Seine Arbeit vorher hat den Sinn verloren, die Familie kann selbst arbeiten. Auch seine Existenz verliert den Sinn.

Die Verwandlung wird eines Tages sichtbar. Sie ist Ausdruck des Protestes gegen das bisherige Dasein, gegen die bisherige Lebensweise. Gregor wollte nicht mehr so leben. Etwas Unbewusstes ist ans Tageslicht gekommen.

War das Leben von Gregor menschlich?

Nein. Es gab keine Privatsphäre, so wie er lebt kein normaler Mensch. Gregor hatte eine harte Arbeit, keine Zeit für sich, keine Freunde. Seine Existenz war vollkommen unmenschlich, fast tierisch, ungezieferhaft. In seinem Inneren hat er vielleicht unbewusst protestiert, die Verwandlung hat sich dann äußerlich vollzogen. Er hat schon früher wie ein Ungeziefer gelebt. Er hat wie ein Tier geschuftet und ist zu einem Tier geworden. Er wurde ausgebeutet, erdrückt, hat sich nie beschwert, aber hatte vom bisherigen Leben die Nase voll. Die äußere Erscheinung, die er angenommen hat, entspricht seinem inneren Zustand. Sein Dasein hatte tierische, unmenschliche Züge, was sich veräußerlicht hat.

Die Verwandlung ist nur das Insbildtreten eines längst bestehenden Zustands. Dem ungezieferhaften Wesen seines bisherigen Daseins entspricht nur die äußere Erscheinung. Die Verwandlung eines verborgenen, menschlichen Seins in ein offenbares Sein ist in Kafkas Erzählung nur ein Ausgangspunkt. Jetzt zerbricht Gregors Kraft, die sie Sklaverei des Geschäftslebens erduldet hat. Die Familie hat an dieser Missgestalt mitgewirkt, sie hat ihn ausgebeutet. Man könnte vermuten, dass etwas sich in der Familie ändern wird. Gregors Revolte ist aber erfolglos, ohne Folgen für die Familie geblieben. Nach der Verwandlung unterstützt ihn die Familie nicht, sie will ihn loswerden. Die Familienmitglieder unternehmen nichts. Wenn Gregor nicht arbeiten kann, ist er nicht mehr nötig. Die Verwandlung zerbricht alle Illusionen. Nach seinem Tode herrscht in der Familie ein idyllischer Zustand. Es ist banal, aber Gregors Tod ist die Voraussetzung für die Normalität in der Familie. Erst nach seinem Tode kehrt die Normalität in die Familie zurück.

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