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17.12.12

Der Kammerherr Marinelli (G.E. Lessing, "Emilia Galotti")


Marinelli ist Kammerherr des Prinzen. „Kammerherr“ ist ein Amt, das bei Hofe ausgeübt wird. Es ist ein persönlicher Diener, der dem Herren zur Hand geht, ihm beim Verreisen hilft, Gäste anmeldet, bei Spielen Gesellschaft leistet. Er steht unter dem Oberkammerherrn und bekommt Hilfe von Kammerjungen. 

Wird Marinelli seinem Berufsbild gerecht? Entspricht er diesem Verständnis? Ist er ein typischer Kammerherr?

Marinelli ist ein ständiger Begleiter des Prinzen, hat seine Leute (z.B. Angelo). Er macht das, was der Prinz ihm sagt, was der Prinz möchte. Er nimmt Gäste zur Audienz an, bringt sie wieder zur Tür. Marinelli berät seinen Herrn, aber er lenkt ihn zugleich, macht im Prinzip mehr, als nur bereit zu stehen. Seine Aufgaben als Kammerherr erfüllt er voll und ganz. Er erfüllt seine Funktion, aber ist mehr als nur ein Kammerherr. 

Ihm ist wichtig, in der oberen Schicht zu leben - wichtiger als Glück und Liebe. Politik ist ihm bedeutender als Gefühle. Er strebt nach Macht, nach Reichtum, ist gefühlskalt. Seine Hofkarriere ist ihm wichtig und er nutzt den Prinzen für seine Interessen. Er scheut nicht davor, zu morden. Er plant alles selber, nutzt die Mechanismen des höfischen Lebens, instrumentalisiert andere Menschen. 

Der Prinz lässt ihn alles unternehmen, um die Hochzeit zu verhindern (I, 6): 

Marinelli: […] Wollen Sie mir freie Hand lassen, Prinz? Wollen Sie alles genehmigen, was ich tue? 

Der Prinz: Alles, Marinelli, alles, was diesen Streich abwenden kann

Man kann herauslesen, dass der Prinz Marinelli sehr vertraut. Marinelli sagt das, was der Prinz hören will. Er darf nicht alles aussprechen, was er denkt. Am Anfang wird der Prinz ihm nicht anvertrauen, aber dann gibt er ihm freie Hand. Die beiden bekennen sich einander oberflächlich die Freundschaft. Der Prinz macht sich Gedanken: „Warum will ich mich auch auf ihn allein verlassen?“ (I, 7) Dann begibt er sich in die Kirche, um dort Emilia seine Gefühle zu gestehen. 

Der Prinz vertraut Marinelli nicht blind, es ist Zwangsvertrauen. Beide sind unaufrichtig. Dieses Vertrauen ist brüchig, es wird vorgespielt. Marinelli bemüht sich, beim Prinzen gut dazustehen, aber letztendlich geht es ihm um eigene Interessen und um seine Stellung am Hof, die von dem Prinzen abhängig ist. Aus diesem Grunde unterwirft er sich ihm. Man kann sagen, dass der Prinz und Marinelli sich gegenseitig ausnutzen. 

Marinelli hat keinen rigorosen Tugendbegriff: „Waren, die man aus der ersten Hand nicht haben kann, kauft man aus der zweiten“ (I, 6) (er meint die Frauen). 

Marinelli heuchelt eine Freundschaft mit Appiani vor: „Ich war von jeher des Grafen Freund; sein vertrautester Freund“ (III, 8). Er ist heuchlerisch, intrigant. Man kann ihn als einen Opportunisten bezeichnen. Er versucht, jede Gelegenheit zu seinen Gunsten auszulegen. Er benutzt alle Mittel, um seine eigene Position besser darstellen zu lassen. Marinelli ist ein intriganter, opportuner Mensch, der manipulativ mit seinem Umfeld umgeht, um seine Ziele (den Machtzuwachs) zu erreichen. Er wird jedoch durchschaut, als Claudia Galotti sich erinnert, dass sein Name das letzte Wort des sterbenden Grafen war. 

Camillo Rota, einer von des Prinzen Räten, ist Marinellis Gegenteil – die beiden sind unterschiedlich in Ziel und Absicht. Rota zeigt Gefühle, achtet auf seine Aufgaben, ist nachdenklich, unterschwellig. Er setzt seinen eigenen Verstand über den des Prinzen und übt dadurch indirekt Kritik am höfischen Leben aus, umgeht die höfische Maschinerie. Weil der Prinz in seinen Gefühlen schwankt, ist seine Urteilsfähigkeit eingeschränkt und er ist bereit, ein Todesurteil voreilig, unüberlegt zu unterschreiben. Camillo Rota verhindert das Negative: „Ich hätt es ihn in diesem Augenblick nicht mögen unterschreiben lassen, und wenn es den Mörder meines einzigen Sohnes betroffen hätte“ (I, 8). 

Als der Prinz vom Tode des Grafen erfährt, behauptet Marinelli, er habe den Mord nicht geplant: „Als ob sein Tod in meinem Plane gewesen wäre! Ich hatte es dem Angelo auf die Seele gebunden, zu verhüten, dass niemanden Leides geschähe“ (IV, 1). Marinelli zeigt sich gefühlskalt: „Der Tod des Grafen ist mir nichts weniger als gleichgültig. Ich hatte ihn ausgefordert; er war mir Genugtuung schuldig, er ist ohne diese aus der Welt gegangen, und meine Ehre bleibt beleidiget“ (IV, 1). 

Als Emilia tot ist, bittet er nicht um Verzeihung. Er leugnet seine Schuld und sieht, dass sein Plan gescheitert ist. Er ist fassungslos über seine Situation, kann nicht glauben, was passiert ist. Es ist für ihn schwer zu fassen, dass sein zusammengefaltetes Gespann gescheitert ist. Dass Emilia bereit war, sich zu opfern, war nicht vorschaubar. Marinelli stößt an die Grenzen seines Weltbildes (er hatte ein extrem rationales Verständnis von Welt und Menschen), ist vor allem enttäuscht über die missglückte Intrige.

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