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8.7.13

Theodor Storm: "Immensee". Teil 6

"Immensee"


Wieder sind einige Jahre vergangen. An einem Frühlingsnachmittag wanderte ein junger Mann mit einem kräftigen, gebräunten Antlitz (Reinhard). Er fragte einen Bauern, wo Immensee ist. Es war ein See von Wäldern umgeben, an dem sich ein Herrenhaus befand: ruhig, dunkelblau, fast ringsum von grünen, sonnbeschienenen Wäldern umgeben. Der See war sein Reiseziel. Der Mann ging steil den Berg hinab. Erich – ein stattlicher Mann im braunen Überrock – kam ihm entgegen. Sie reichten sich die Hände und begrüßten einander herzlich. Die Ankunft von Reinhard wird eine Überraschung für Elisabeth und auch für seine Mutter sein, weil Erich den beiden von dem geplanten Besuch nicht gesagt hat. 

Erich hatte vor zwei Jahren eine Spritfabrik angelegt. Beide erreichten das Haus:  Sie waren bei diesen Worten auf einen geräumigen Platz gekommen, der an den Seiten durch die ländlichen Wirtschaftsgebäude, im Hintergrunde durch das Herrenhaus begrenzt wurde, an dessen beide Flügel sich eine hohe Gartenmauer anschloß; hinter dieser sah man die Züge dunkler Taxuswände, und hin und wieder ließen Syringenbäume ihre blühenden Zweige in den Hofraum hinunterhängen.  Auf der Terrasse vor der Gartentür saß Elisabeth. Reinhard wusste nicht, was er sagen sollte. Er war sprachlos, als er die Stimme von Elisabeth hörte und fühlte einen körperlichen Schmerz am Herzen. Erich hatte es vor, Reinhard zu bewirten, damit er sich wie zu Hause fühlt. 

Am anderen Tag ging er mit Erich auf die Acker, in die Weinberge, in den Hopfengarten, in die Spritfabrik. Die Menschen, die dort arbeiteten, hatten ein gesundes und zufriedenes Aussehen. Abends arbeitete Reinhard in seinem Zimmer. Er hatte seit langem die im Volke lebenden Reime und Lieder gesammelt und fing dann an, sie zu ordnen. Auch neue aus der Gegend kamen hinzu. Elisabeth war sanft und freundlich, Erich behandelte sie sehr gut und sie war ihm dankbar. Zweifelsohne liebte er sie.

Seit dem zweiten Aufenthaltstag pflegte Reinhard einen Spaziergang am Ufer des Sees zu machen. Der Weg führte an einem Garten vorbei, in dem sich eine Bank unter den Birkenbefand, von der Mutter Abendbank getauft. Als Reinhard eines Tages vom Spaziergang zurückkam, regnete es heftig. Er glaubte eine Frauengestalt unter den Birken bemerkt zu haben und meinte, es sei Elisabeth gewesen. Als er versuchte sie zu erreichen, wandte sie sich ab und entfernte sich. Einerseits war er auf sie böse, andererseits hatte er Zweifel, ob sie es war.

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