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29.7.12

Thesen und Erläuterungen zum Märchen „Nußknacker und Mausekönig“ von E.T.A. Hoffmann

These 1: Im Kunstmärchen Nuβknacker und Mausekönig verfasste E.T.A. Hoffmann ein ironisches Selbstporträt, indem er den Paten Droßelmeier mit sehr vielen Eigenschaften seiner Persönlichkeit als Dichter ausgestattet hatte.

Erläuterung: Das Märchen enthält autobiographische Momente – E.T.A. Hoffmann hat das Märchen für die Kinder seines Freundes Julius Eduard Hitzig geschrieben. Hoffmann hat darauf bestanden, dass das Märchen mit anderen Beiträgen aus der Sammlung den Kindern zu Weihnachten geschenkt werden sollte – so erzählt Droβelmeier Marie und Fritz das Märchen von der harten Nuβ zu Weihnachten und wird tatsächlich zum Dichter für die Kinder.
Sowohl die Dichtung Hoffmanns, als auch das Märchen des Paten Droßelmeier sollten die Kinder dazu anregen, das Unsichtbare zu sehen. Hoffmann hat seine Unmöglichkeit, ein wahres romantisches Kindermärchen zu schreiben, erkannt – so hat er diese Unmöglichkeit mit der Gestalt des Paten thematisiert.

These 2: Trotz Hoffmanns Unmöglichkeit, ein wahres Kindermärchen zu schreiben, gibt es im Märchen viele Hinweise darauf, dass Nuβknacker und Mausekönig für die Kinder äuβerst geeignet ist. Das Märchen ist ein Paradebeispiel für die Problematik romantischer Kinderdichtung.

Erläuterung: Die eigentlichen Adressaten des Märchens sind die kindlichen Gemüter, ihren Tagträumen und Spielen hingegeben. Trotzdem haben die zeitgenössischen Rezensenten Folgendes festgestellt: der Nuβknacker zeige Hoffmanns Unfähigkeit, für die Kinder zu schreiben. Hoffmanns weiβ es, weil er Theodor Folgendes sagen lässt: es ist ganz unmöglich, daβ Kinder die feinen Fäden, die sich durch das Ganze ziehen, erkennen können. Lothar gibt es zu, dass er zu viel an die erwachsenen und ihre Taten gedacht habe. Trotzdem erfüllt das Märchen die Kriterien eines Kindermärchens, indem es eine weibliche Kindheit an der Schwelle zum Erwachsensein zeigt. Die Kinder können sich mit Marie identifizieren, die den Nuβknacker in ihre Obhut nimmt, die mit den Puppen spielt, die Angst vor dem widerlichen Mausekönig hat und von dem wunderbaren Puppenreich begeistert ist.
Auch die häufigen Leseranreden sind ein direkter Appell an die Kinder – es ist ein Beispiel für Captatio Benevolentiae.

These 3: Das Märchen Nuβknacker und Mausekönig weist groβe Ähnlichkeiten mit dem Goldenen Topf auf, obwohl Nuβknacker für die Kinder besser geeignet zu sein scheint.

Erläuterung: In beiden Kunstmärchen wird nahe gelegt, dass das Märchen die Poesie des Lebens ist, die von den Augen derer erblickt werden kann, die das Wunderbare in der Wirklichkeit erblicken können. Sowohl der Student Anselmus, als auch Marie besitzen die Phantasiefähigkeit – Anselmus ist durch individuelle Veranlagung und Marie durch die Natur des Kindes befähigt. Ähnlichkeiten gibt es auch zwischen dem Archivarius Lindhorst und dem Paten Droβelmeier – beide fungieren als Vermittlungsinstanzen zwischen realer und wunderbarer Handlungsebene, zwischen der bürgerlichen Realität und dem wunderbaren Phantasiereich.
Auch der Schluss der beiden Märchen ist sehr ähnlich – im Goldenen Topf weist Lindhorst auf das wunderbare Reich der Poesie hin, der sich der heilige Einklang aller Seelen als tiefstes Geheimnis der Natur offenbaret. Und im Nuβknackermärchen soll Marie noch zur Stunde Königin eines Landes sein, in dem man überall funkelnde Weihnachtswälder sah, durchsichtige Marzipanschlösser, kurz, die allerherrlichsten, wunderbarsten Dinge erblicken kann, wenn man nur darnach Augen hat.

These 4: Im Nuβknackermärchen spielen die Symbolik und die romantische Ironie eine besondere Rolle.

Erläuterung: Die Puppen und Marionetten erscheinen als Versinnbildlichung der romantischen Ansicht von der konventionellen Gesellschaft. Die Uhr ist ein Sinnbild der Zeit – die Schlacht beginnt um Mitternacht und die Erscheinung des Übernatürlichen ist immer an die Nacht gebunden. Die Christnacht ist ein Neubeginn, ein Symbol für eine neue Phase im Leben des Mädchens, die Nacht setzt den geschenkten Nuβknacker in Gang. Die Häβlichkeit ist bei dem Mausekönig ein Ausdruck des Bösen, bei dem Nuβknacker und bei der Prinzessin Pirlipat ein Symbol der verlorenen Schönheit. Auch die Zahlen 3 und 7 haben eine besondere Bedeutung. Auβerdem ist die Figur des Paten Droβelmeier selbst ein Symbol der Unfähigkeit der Erwachsenen, das Wunderbare zu sehen. Die beiden Ohnmachten Maries haben ebenfalls eine symbolische Bedeutung.
Auch die romantische Ironie wird im Nuβknackermärchen mehrmals zum Ausdruck gebracht – ironisch ist die Darstellung der Königsfamilie im Binnenmärchen und die Strafe für die Mäuse, die den Speck für die Wurst gestohlen haben. Auch die Aufgabe, die der Hofuhrmacher erfüllen muss, wird ironisch gezeichnet. Der Pate Droβelmeier selbst ist ein ironisches Alter Ego Hoffmanns.

These 5: Das Nuβknackermärchen erzählt eine Sozialisations- und Initiationsgeschichte eines Mädchens, die durch bestimmte Ereignisse in Gang symbolisch gesetzt wird. So verkörpert Marie besonders deutlich die kindliche Angst vor der Übernahme einer Rolle in der Erwachsenenwelt.

Erläuterung: Schon der rituelle Augenblick der Einbescherung, jene Verteilung und Zuordnung der Gaben ist ein Ausdruck für ein von der bürgerlichen Gesellschaft vorgegebenes Ordnungsmuster. Die Geschlechter und ihre Rollen im sozialen Kontext werden enzyklopädisch konstruiert. Schwierigkeiten treten auf, als es darum geht, dem Nuβknacker einen Platz im Klassifikationssystem zuzuweisen. Als die Scheibe des Glasschranks während der nächtlichen Schlacht zerbricht und der Arm Maries verletzt wird, wird die Blutspur zum Zeichen des Übertritts aus der kindlichen in die Erwachsenenwelt gesetzt. Später belebt Marie durch Reiben eines Blutflecks am Hals des Nuβknackers das Spielzeug erneut. So beginnt eine neue Phase in ihrem Leben – die Reise in das Puppenreich. Wie früher mit dem Glasschrank, überschreitet sie eine Schwelle. So verbindet der Nuβknacker die kindliche Welt des Mädchens mit der Erwachsenenwelt der Frau.

Verwendete Literatur:

BARTH, Johannes (1995): „So etwas kann denn doch wohl der Onkel niemals zu Stande bringen“. Ästhetische Selbstreflexion in E.T.A. Hoffmanns Kindermärchen Nuβknacker und Mausekönig. In: Steinecke, Hartmut / Loquai, Franz / Scher, Steven Paul (Hrsg.): E.T.A. Hoffmann-Jahrbuch. Mitteilungen der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft. Band 3. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 7-14.

BRAUN-BIEHL, Judith (1990): Maries Reich der Phantasie. In: Ausschweifendere Geburten der Phantasie. Eine Studie zur Idee des „Kindermärchens“ bei Tieck, Brentano, Jacob und Wilhelm Grimm und E.T.A. Hoffmann. Mainz: Johannes Gutenberg-Universität, 256-265.

JENS, Walter (Hrsg.): Kindlers neues Literaturlexikon. München 1996: Kindler, 960-961.

KREMER, Detlef (1999): E.T.A. Hoffmann. Erzählungen und Romane. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 93-100.

KREMER, Detlef (2007): Romantik. Lehrbuch Germanistik. 3., aktualisierte Auflage. Stuttgart / Weimar: Verlag J.B. Metzler, 198-199.

NEUHAUS, Stefan (2005): Märchen. Tübingen / Basel: A. Francke Verlag, 165-171.

NEUMANN, Gerhard (1997): Inszenierte Kindheit in E.T.A. Hoffmanns Sozialisationsmärchen Nuβknacker und Mausekönig. In: Oesterle, Günter (Hrsg.): Jugend – ein romantisches Konzept? Würzburg: Königshausen & Neumann, 135-149.

PIETZCKER, Carl (2004): Nussknacker und Mausekönig. Gründungstext der Phantastischen Kinder- und Jugendliteratur. In: Saβe, Günter (Hrsg.): E.T.A. Hoffmann. Romane und Erzählungen. Stuttgart: Philipp Reclam jun., 182-197.

PIKULIK, Lothar (1987): E.T.A. Hoffmann als Erzähler. Ein Kommentar zu den „Serapions-Brüdern“. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 95-101.

SCHUMACHER, Hans (1977): Nuβknacker und Mausekönig. In: Narziβ an der Quelle. Das romantische Kunstmärchen: Geschichte und Interpretationen. Wiesbaden: Athenaion, 123-126, 133-144.

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