Ein hungriger Hahn scharrte auf einem Misthaufen nach Fruchtkörnern und fand einen Diamanten. Unmutig stieß er ihn beiseite und rief aus: „Was nützt einem Hungrigen ein kostbarer Stein; sein Besitz macht wohl reich, aber nicht satt. Wie gerne würde ich diesen Schatz um nur einige Gerstenkörner geben.“
Das Stücklein Brot, das dich ernährt, ist mehr als Gold und Perlen wert.
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4.10.11
Novalis - Der Fuchs
„Hast du die Satire gelesen, die der Löwe auf dich gemacht hat?“, fragte der Wolf den Fuchs. „Antworte ihm, wie sich’s gebührt.“ „Gelesen hab ich sie, aber deinem Rate folg ich nicht“, sagte der Fuchs, „denn der Löwe könnte mir auf eine fürstliche Art antworten.“
G.E. Lessing - Der Adler und die Eule
Der Adler Jupiters und Pallas Eule stritten:
„Abscheulich Nachtgespenst!“
„Bescheidner, darf ich bitten!
Der Himmel heget mich und dich;
Was bist du also mehr als ich?“
Der Adler sprach: „Wahr ist’s im Himmel sind wir beide;
Doch mit dem Unterscheide:
Ich kam durch eignen Flug,
wohin dich deine Göttin trug!“
„Abscheulich Nachtgespenst!“
„Bescheidner, darf ich bitten!
Der Himmel heget mich und dich;
Was bist du also mehr als ich?“
Der Adler sprach: „Wahr ist’s im Himmel sind wir beide;
Doch mit dem Unterscheide:
Ich kam durch eignen Flug,
wohin dich deine Göttin trug!“
28.9.11
Äsop/Heinrich Steinhöwel – Von dem Wolf und dem Lamm
Äsop erzählt über die Unschuldigen und über die arglistigen Betrüger die folgende Fabel.
Ein Wolf und ein Lamm, beide durstig, kamen an einen Bach, um dort zu trinken. Der Wolf trank oben am Bach und das Lamm fern unten. Als der Wolf das Lamm erblickte, sprach er zu ihm: „Warum trübst du mir das Wasser, wenn ich trinke?“ Das geduldige Lämmlein sprach: „Wie kann ich dir das Wasser trüben, das von dir zu mir fließt?“
(lowiecki.pl)
(vitalia.pl)
Ohne über diese Wahrheit des Lammes zu erröten, sagte der Wolf: „He, he, du verfluchst mich.“ Da antwortete das Lamm: „Ich verfluche dich nicht.“ – „Allerdings“, sprach der Wolf, „und vor sechs Monaten hat das dein Vater auch getan.“ Da sagte das Lamm: „Zu dieser Zeit war ich doch überhaupt noch nicht geboren.“ Da sagte der Wolf: „Du hast mir auch durch dein Nagen meinen Acker vollständig verwüstet und ihn zerstört.“ Da sagte das Lamm: „Wie soll das möglich sein, da ich doch noch gar keine Zähne habe.“ Da wurde der Wolf wütend und sprach: „Wenn ich auch deine Argumente und Ausreden nicht alle widerlegen kann, so will ich doch eine reichliche Mahlzeit an dir haben.“ Er fing das unschuldige Lämmlein, tötete es und fraß es auf.
Mit dieser Fabel will Äsop zeigen, dass bei boshaften und treulosen Anklägern Vernunft und Wahrheit keinen Platz finden kann. Solche Wölfe findet man überall.
Ein Wolf und ein Lamm, beide durstig, kamen an einen Bach, um dort zu trinken. Der Wolf trank oben am Bach und das Lamm fern unten. Als der Wolf das Lamm erblickte, sprach er zu ihm: „Warum trübst du mir das Wasser, wenn ich trinke?“ Das geduldige Lämmlein sprach: „Wie kann ich dir das Wasser trüben, das von dir zu mir fließt?“
(lowiecki.pl)
(vitalia.pl)
Ohne über diese Wahrheit des Lammes zu erröten, sagte der Wolf: „He, he, du verfluchst mich.“ Da antwortete das Lamm: „Ich verfluche dich nicht.“ – „Allerdings“, sprach der Wolf, „und vor sechs Monaten hat das dein Vater auch getan.“ Da sagte das Lamm: „Zu dieser Zeit war ich doch überhaupt noch nicht geboren.“ Da sagte der Wolf: „Du hast mir auch durch dein Nagen meinen Acker vollständig verwüstet und ihn zerstört.“ Da sagte das Lamm: „Wie soll das möglich sein, da ich doch noch gar keine Zähne habe.“ Da wurde der Wolf wütend und sprach: „Wenn ich auch deine Argumente und Ausreden nicht alle widerlegen kann, so will ich doch eine reichliche Mahlzeit an dir haben.“ Er fing das unschuldige Lämmlein, tötete es und fraß es auf.
Mit dieser Fabel will Äsop zeigen, dass bei boshaften und treulosen Anklägern Vernunft und Wahrheit keinen Platz finden kann. Solche Wölfe findet man überall.
27.9.11
Rudolf Kirsten - Fuchs und Hase
„Du drohst mir mit deinen Hörnern, darum fresse ich dich!“, sagte der Fuchs zu dem Hasen, den er erbeutet hatte. „Ich habe keine Hörner!“, schrie der Hase. „Du lügst!“, knurrte der Fuchs. „So sieh mich doch an und überzeuge dich!“, jammerte der Hase. Der Fuchs aber schloss die Augen und biss ihn tot.
Gotthold Ephraim Lessing - Der Wolf und das Schaf
Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) verfasste Theaterstücke und Fabeln. Seiner Meinung nach sollten die Fabeln:
- kurz sein
- gesellschaftliche Probleme behandeln
- immer neu erzählt werden
Der Wolf und das Schaf:
Der Durst trieb ein Schaf an den Fluss; eine gleiche Ursache führte auf der andern Seite einen Wolf herzu. Durch die Trennung des Wassers gesichert und durch die Sicherheit höhnisch gemacht, rief das Schaf dem Räuber hinüber: „Ich mache dir doch das Wasser nicht trübe, Herr Wolf? Sieh mich recht an; habe ich dir nicht etwa vor sechs Wochen nachgeschimpft? Wenigstens wird es mein Vater gewesen sein.“ Der Wolf verstand die Spötterei; er betrachtete die Breite des Flusses und knirschte mit den Zähnen. „Es ist dein Glück“, antwortete er, „dass wir Wölfe gewohnt sind, mit euch Schafen Geduld zu haben“; und ging mit stolzen Schritten weiter.
- kurz sein
- gesellschaftliche Probleme behandeln
- immer neu erzählt werden
Der Wolf und das Schaf:
Der Durst trieb ein Schaf an den Fluss; eine gleiche Ursache führte auf der andern Seite einen Wolf herzu. Durch die Trennung des Wassers gesichert und durch die Sicherheit höhnisch gemacht, rief das Schaf dem Räuber hinüber: „Ich mache dir doch das Wasser nicht trübe, Herr Wolf? Sieh mich recht an; habe ich dir nicht etwa vor sechs Wochen nachgeschimpft? Wenigstens wird es mein Vater gewesen sein.“ Der Wolf verstand die Spötterei; er betrachtete die Breite des Flusses und knirschte mit den Zähnen. „Es ist dein Glück“, antwortete er, „dass wir Wölfe gewohnt sind, mit euch Schafen Geduld zu haben“; und ging mit stolzen Schritten weiter.
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