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4.8.12

"Der Tod in Venedig": Der Untergang eines Künstlers

„Der Tod in Venedig“ ist das Schlüsselwerk zum Verständnis von Thomas Mann. Der Schriftsteller hat geplant, einen Ausbruch der Leidenschaft bei einem großen Künstler zu beschreiben. Es sollte Goethe sein, der Titel sollte lauten „Goethe in Marienbad“. Das Konzept hat Mann später verändert. Viele Literaturwissenschaftler identifizieren den Komponisten Gustav Maler mit Aschenbach.

Es ist eine Geschichte des Untergangs eines angesehenen Schriftstellers, des Niedergangs des bürgerlichen Lebens. Arbeitsethos und alle Ideale, die Aschenbach verkörpert hat, gehen zugrunde. Die Prinzipien seines bürgerlichen Lebens, sein Künstlerethos gehen zugrunde. Aschenbach war früher ein Inbegriff der Würde. Die Novelle stellt einen fortschreitenden Prozess der Entwürdigung – als Mensch und Künstler.

Im Werk wird das Apollinische dem Dionysischen gegenübergestellt – es sind zwei Prinzipien, die im Widerspruch zueinander stehen. Das Apollinische ist das Schöne, Kunstvolle, Künstlerische, Wahre, Geistige, Universelle, Harmonievolle, Rationale. Das Dionysische ist das Sinnliche, Rauschvolle, die Sexualsphäre, die Leidenschaften, die Triebe, alles, was mit dem Körper und Genuss zu tun hat – diese Sphäre bringt Aschenbach das Verderben.

In der Novelle wird der apollinische und der dionysische Künstler definiert:

Der apollinische Künstler ist an dem Schönen und Harmonievollen interessiert. Das Apollinische manifestiert sich vor allem in der bildenden Kunst – in der klaren Formgebung, in der vollkommenen, idealen, klassischen Schönheit, im Ebenmaß.

Der dionysische Künstler sucht in seiner Kunst den Rausch, ekstatische Zustände, das Übermaß.

Im Mai fährt Aschenbach mit einem Nachtzug nach Triest, dann nach Pola, nach anderthalb Wochen nach Venedig. Er hat Urlaube aus Gesundheitsgründen immer im Norden gemacht – es war eine Hygienesache. Er hat immer das gemacht, was er tun soll. Im Süden sind Menschen jedoch freizügiger, zeigen Emotionen. Venedig hat außerdem als eine Stadt des Verfalls funktioniert.

Er übernachtet in einem Bäder-Hotel. Er beobachtet eine polnische Familie: drei Mädchen (15-17 Jahre alt), ein Knabe (vielleicht 14), die Mutter und eine Gouvernante. Der Knabe ist vollkommen schön, sein Aussehen erinnerte an griechische Bildwerke aus edelster Zeit. Die Mädchen haben klösterliche Trachten, sind bescheiden, keusch. Der Knabe trägt ein Matrosenkostüm. Aschenbach ist beglückt, er lauscht auf die Stimme des Knaben, bewundert sein Aussehen. Tadzio ist am Anfang nur ein ästhetisches Phänomen, perfekt wie ein junger Gott – Apoll. Es war ein Interesse eines Künstlers an einem Kunstobjekt, eine ästhetische Faszination eines Künstlers von einem schönen Gegenstand.

Venedig ist Aschenbach bei dieser Witterung höchst schädlich. Er will mit einem Dampfboot abreisen. Sein Koffer ist schon nach Como aufgegeben worden, aber er kehrt zurück. Der Abschied ist um Tadzios willen so schwer. Er verfolgt ihn, trifft ihn überall. Tadzio scheint ihm göttlich, er will in seiner Gegenwart arbeiten, mit ihm eine Bekanntschaft schließen, sitzt und schaut ihn an, erwartet ihn täglich. Einmal lächelt der Knabe ihn an: „sprechend, vertraut, liebreizend, unverhohlen“, „das Lächeln des Narziß“. Tadzio merkt, dass er beobachtet wird und es gefällt ihm. Zu einem näheren Kontakt kommt es nie.

Früher hat Aschenbach eine bestimmte Lebensweise repräsentiert – Arbeit als Dienst für Gemeinschaft. Er war ein Genie des Willens, hatte einen starken Willen, um zu schaffen, um seinen Lebensstil beizubehalten. Er war die ganze Zeit im Kampf mit sich selbst, damit seine Triebe nicht an die Oberfläche kommen. Seine Prinzipien waren Selbstbeherrschung, Ordnungsliebe, Pflichtbewusstsein, preußische Tugenden. Die Würde war die oberste Priorität – das künstlerische Schaffen muss mit Würde zusammenhängen.

Seine Arbeit ist Aschenbach nach einer gewissen Zeit nicht mehr wichtig. Seine Einstellung zum Leben ändert sich: man muss das Leben genießen. Sein früheres Leben wirkt langweilig, uninteressant. Er denkt nicht mehr an die Pflichten und reagiert auf die von Tadzio ausgehende erotische Wirkung. Nur er zählt für ihn. Er will ihn beobachten, mit ihm Zeit verbringen. Sein Tagesablauf ändert sich, so wie Normen und Werte, die er gepflegt hat.

Eine ästhetische Faszination entwickelt sich zu einer homoerotischen Faszination. Die Entwicklung ist sehr schnell und Aschenbach ist sich dessen bewusst. Er versucht diese Entwicklung zu rechtfertigen. Diese Faszination bewirkt, dass er wieder schreiben kann. Er ist dann der Meinung, dass die zwei Sphären des Lebens – die geistige und die sinnliche – zu verbinden wären. In ihm hat ein richtiger Kampf stattgefunden, er hat versucht zu fliehen, sich zu retten.

2.8.12

"Der Tod in Venedig": Wer ist Gustav von Aschenbach?

Gustav von Aschenbach – 50 Jahre alt, Schriftsteller, Dichter, lebt in München, graue Haare, mager, mittelgroß, bartlos, brünett, trägt eine Goldbrille.

Er suchte das Freie, Luft, Bewegung, empfand Reiselust, Fluchtdrang, die Sehnsucht ins Ferne und Neue, Begierde nach Befreiung und Vergessen, Enge seines Alltags, seines Dienstes. Er hat niemals Europa verlassen. Er empfand „Künstlerfurcht, nicht fertig zu werden“.

Er hatte vor, sein Werk bis zu einem bestimmten Punkt zu fördern und sich auf dem Lande niederzulassen. Er hatte Angst vor dem Sommer auf dem Lande, allein in dem kleinen Hause mit der Magd und dem Diener.

Aschenbach ist Autor der mächtigen Prosa – Epopöe vom Leben Friedrichs von Preußen, Roman „Maja“, Erzählung „Ein Elender“, Abhandlung „Geist und Kunst“. Er ist berühmt, Teile seiner Werke sind in die Schulbücher eingegangen. Er erfreut sich großer Anerkennung und Popularität. Aschenbach ist wie ein Nationalschriftsteller, man kennt ihn in ganz Europa.

Er verkörpert preußische Tugenden: strenge Regeln, die man beachten musste, strenge Erziehung, Disziplin, Arbeit, „Zucht“ – ein wichtiges Wort – man versteckt eigene Wünsche, Triebe, sie mussten verborgen bleiben. Man erzieht einen Menschen auf eine bestimmte Art und Weise, damit er dem Dienst nachgehen kann.

Aschenbach ist zu L., einer Kreisstadt der Provinz Schlesien, als Sohn eines höheren Justizbeamten geboren. Seine Mutter war Tochter eines böhmischen Kapellmeisters.
Sein ganzes Wesen war auf Ruhm gestellt, schon als Gymnasiast besaß er einen Namen. Er hat niemals den Müßiggang oder die sorglose Fahrlässigkeit der Jugend gekannt. Er war kränklich und besuchte die Schule nicht, sondern lernte zu Hause. Schon als Kind wurden ihm hohe Anforderungen gestellt. Er hatte Pflichten, die er erfüllen musste.

Nach einigen Jahren der Versuchsaufenthalte wählte er München zum dauernden Wohnsitz und lebte dort in bürgerlichem Ehrenstande. Gustav schloss die Ehe mit einem Mädchen aus gelehrter Familie. Seine Ehefrau starb nach kurzer Zeit. Seine Tochter war verheiratet, einen Sohn hatte er nicht.

Aschenbach ist diszipliniert, arbeitsam, einsam, erreichte Ruhm und Größe, ist angesehen. Er ist stolz auf seine Leistungen. Er hat Angst vor Einsamkeit, keinen Glauben, dass man ihn lieben könnte. Er widmet sich der Arbeit, steht früh auf. Er versucht zu schreiben, hat jedoch eine Schaffenskrise. Das Schreiben macht ihm keinen Spaß. Das Kunstschaffen ist zum Dienst stilisiert – Dienst der Gemeinschaft, eine soziale und politische Aufgabe. So versteht er seine Arbeit. Mit diesem Bewusstsein steht er jeden Tag auf. Das ganze Leben lang zwingt er sich zum Schreiben.

Aschenbach ist kränklich im psychischen und körperlichen Sinne. Er ist sich dessen bewusst, dass er eine verborgene Schicht in sich hat – die Leidenschaft, die eines Tages ausbrechen muss. Er muss verdrängte Triebe unter Kontrolle haben. Er muss darauf achten, dass die Triebe nicht auf die Oberfläche kommen. Am wichtigsten sollten Dienst und Arbeit sein.

Sehr oft gebraucht Aschenbach solche Worte wie „trotzdem“, „durchhalten“, „Zucht“, „Gesellschaft“, „Gemeinschaft“. Die Gesellschaft ist etwas Künstliches, Aufgezwungenes. Die Gemeinschaft wäre dagegen etwas Organisches, Natürliches, eine Menschengruppe, die zusammenhängt und in der jedes Mitglied wie ein Körperteil ist. Die einzelnen Mitglieder haben andere Aufgaben, aber bilden zusammen eine Einheit.