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21.9.16

Christian Hofmann von Hofmannswaldau: "Die Welt" (1679). Analyse und Interpretation. Teil 2

Stilmittel im Sonett:

Vers 1 und 2 - zwei Fragen --> eine deutliche Aufforderung, Verstärkung - der Zusammenhang der Fragen wird durch die Anapher verstärkt

Vers 1 und 2, 3 und 4, 5-8 - Anapher

"berühmtes Glänzen", "ganze Pracht" - Ironie

Vers 3 - "schnöder Schein" - Alliteration 

Vers 4 - "ein schneller Blitz" - Metapher, bedeutet die kurze Dauer. Es ist auch ein Pleonasmus - der Blitz ist immer schnell, dies betont, wie schnell die Vergänglichkeit ist. "schwarz gewölkte Nacht" --> steht für die Welt, für die Widersprüchlichkeit

Vers 7 - "Sklavenhaus" - Metapher --> Leiden, Last, Leben, Schwierigkeiten, Belastung 

Vers 8 - "faules Grab" - Metapher --> steht für die kurze Dauer des irdischen Lebens 

Strophe 2 - "Kummerdisteln", "Spital", "Krankheit", "Sklavenhaus", "Menschen dienen", "Grab" - Akkumulation --> inhaltliche Steigerung 

Vers 9 - "darauf wir Menschen bauen" - Inversion 

Vers 10 - "Abgott" --> der falsche Gott, das irdische Leben

"Fleisch" --> die Existenz, das Leben --> die Vergänglichkeit wird betont 

Vers 11 - "Komm Seele [...] und lerne weiter schauen" - Personifikation, Verstärkung durch den Imperativ 

Vers 13 - "Prangen" - Symbol für die Last des Lebens, für das Leiden 

Vers 15 - "Port" --> Metapher für den Himmel, für das Jenseits, für den Hafen des Jenseits 

10.9.16

Christian Hofmann von Hofmannswaldau: "Die Welt" (1679). Analyse und Interpretation. Teil 1

WAs ist die Welt / und ihr berühmtes gläntzen?
Was ist die Welt und ihre gantze Pracht?
Ein schnöder Schein in kurtzgefasten Gräntzen /
Ein schneller Blitz bey schwartzgewölckter Nacht.

Ein bundtes Feld / da Kummerdisteln grünen;
Ein schön Spital / so voller Kranckheit steckt.
Ein Sclavenhauß / da alle Menschen dienen /
Ein faules Grab / so Alabaster deckt.

Das ist der Grund / darauff wir Menschen bauen /
Und was das Fleisch für einen Abgott hält.
Komm Seele / komm / und lerne weiter schauen /
Als sich erstreckt der Zirckel dieser Welt.

Streich ab von dir derselben kurtzes Prangen /
Halt ihre Lust vor eine schwere Last.
So wirstu leicht in diesen Port gelangen /
Da Ewigkeit und Schönheit sich umbfast.

Der Text

Form:
- abwechselnd 10 und 11 Silben
- 4 Strophen

Metrum:
- fünfhebiger Jambus
- abwechselnd weibliche und männliche Kadenzen
Rhythmus: monoton, träge, melancholisch

Struktur:

- Vers 1 und 2 --> Fragen
- Vers 3-8 --> das lyrische Ich beschreibt, wie die Welt ist und antwortet auf die Fragen.
- Vers 11-16 --> das Jenseits, die Seele wird angesprochen

Inhalt: Der Leser wird aufgefordert, sich mit den Fragen zu beschäftigen. Wir leben in einer Scheinwelt, deren Grundlagen nicht stabil sind. Die Pracht der Welt ist eine Täuschung. Die Seele sollte die eitle Welt verlassen, auf der Welt nicht mehr verweilen, über sie hinausschauen. Das Leben ist eine schwere Last, der Mensch muss viele Schwierigkeiten bewältigen. Der Tod ist eine Art Befreiung, im Jenseits kann die Seele für immer bleiben.

Korrespondenz von Inhalt und Form: Im Zeitalter des Barocks herrschte Chaos (Dreißigjähriger Krieg, Glaubensspaltung). Die Form des Sonetts ist streng gehalten. Widersprüchlichkeit: Chaos ≠ strenge Form

Motive: Vergänglichkeit, Tod, Nichtigkeit, Schein und Wirklichkeit, Kritik an "carpe diem"

Interpretation: Die Seele ist unvergänglich. Sie sollte die Last des Lebens ablehnen, sich befreien. Der Körper, das Materielle sind vergänglich. Der Mensch sollte sich auf die Seele konzentrieren, weil sie ewig ist und weil er das ewige Glück im Jenseits erreichen kann. In der Gesellschaft achten die Menschen auf Nichtigkeiten, auf unbedeutende Sachen, die vergänglich sind.

Die Welt hat eine negative Atmosphäre. Das Jenseits wird positiv beschrieben - als der Ort des ewigen Glücks (religiöser Hintergrund). Die Erde als "Abgott" wird als nicht vollkommen geschildert, als eine Last. Im Jenseits gibt es keine Last, sondern Befreiung.

Der Mensch irrt sich, er wandert in Dunkelheit und erkennt sein wahres Ziel nicht. Er ist diesseitsorientiert, während die Welt traurig und leidvoll ist. Das Schöne lebt kurz. Nur die Fassade scheint schön zu sein, aber das Fundament ist nicht stabil. Im Jenseits gibt es Sicherheit, keine Gegensätze.

Intention: Das Gedicht hat einen belehrenden Charakter, typisch für den Barock. Der Mensch wird dazu aufgefordert, unwesentliche Sachen abzulehnen und sein Lebens auf das Jenseits auszurichten. Er sollte erkennen, dass nur die Seele wichig ist und dass nur sie ewig dauert. Der Mensch sollte positive, echte Werte suchen. Er wird vor der Nichtigkeit und Vergänglichkeit gewarnt.

Aktualität: Das Gedicht kann auch den modernen Menschen der Gegenwart ansprechen. Auch heutzutage haben die Menschen kein sicheres Fundament. Sie sind durch Konflikte, Krisen, Kriege verunsichert.

Kernaussage: Der einzige Ausweg für den verunsicherten Menschen ist das Jenseits. Der Mensch sollte das wirklich Wahre erkennen.

21.5.16

Barocklyrik: Christian Hofmann von Hoffmannswaldau - "Vergänglichkeit der Schönheit" (1695)

Es wird der bleiche Tod mit seiner kalten Hand (a)
Dir endlich mit der Zeit um deine Brüste streichen (b)
Der liebliche Corall der Lippen wird verbleichen; (b)
Der Schultern warmer Schnee wird werden kalter Sand (a)

Der Augen süsser Blitz, die Kräffte deiner Hand (a)
Für welchen solches fällt, die werden zeitlich weichen (b)
Das haar, das itzund kan des Goldes Glantz erreichen (b)
Tilget endlich tag und jahr als ein gemeines band. (a)

Der wohlgesetzte Fuss, die lieblichen Gebärden (c)
Die werden theils zu Staub, theils nichts und nichtig werden (c)
Denn opfert keiner mehr der Gottheit deiner pracht. (d)

Diß und noch mehr als diß muß endlich untergehen (c)
Dein Hertze kan allein zu aller Zeit bestehen (c)
Dieweil es die Natur aus Diamant gemacht. (d) 

Das Sonett hat eine Form des Alexandriners (sechshebiger Jambus mit Zäsur in der Mitte jedes Verses). Der Jambus nimmt eine steigende Form an. Der Rhythmus ist monoton, träge, melancholisch.

Die Form des Sonetts ist streng gehalten. Eine Diskrepanz (Widersprüchlichkeit) zwischen chaotischem Zeitalter und strenger Form kann aufgewiesen werden.

Einordnung in die Epoche: vanitas, memento mori - diese Motive spiegeln die barocke Lebenseinstellung wider.

In der ersten und zweiten Strophe werden folgende Motive angesprochen:
- der Verlust der Schönheit - der Tod wartet schon auf die Frau
- die kurze Dauer des Lebens
- das Altern (die Veränderungen - die Kräfte lassen nach, der Verfall des Körpers)

In der dritten Strophe wird betont, dass auch innere Werte vergehen, zu Nichtigkeit werden. In der vierten wird hervorgehoben, dass nur die Seele nach dem Tode weiter besteht.

Die irdische, äußere Schönheit muss untergehen, weil sie vergänglich, unbedeutend ist. Sie existiert kurz. Das Motiv des Scheins und der Wirklichkeit fällt zweifelsohne auf. Die Jenseitsorientierung wird kritisiert. Wir müssen uns unserer Vergänglichkeit bewusst sein, unserer Sterblichkeit. Nur die Seele existiert weiter - nur das Herz. Im Wesentlichen geht es um Kritik an Eitelkeit. Wir sollten die Schönheit als vergänglich anerkennen.

Der belehrende Charakter ist typisch für die Barocklyrik. Das lyrische Ich will die Leser belehren, sich der Vergänglichkeit bewusst zu sein.

Rhetorische Mittel: 

Vers 1 - Personifikation - der Tod wartet, lauert
Vers 3 - Metapher - Lebendigkeit --> die Lippen werden verbleichen, ihre schöne Farbe ist auch vergänglich
Vers 4 - Oxymoron, Inversion - Verfall des Körpers nach dem Tode --> "warmer Schnee"
Vers 5 - Metapher - "der Augen süsser Blitz"
Vers 10 - correctio - wir werden zu Staub werden. Nein, sogar nur Nichtigkeit!
Vers 11 - Hyperbel - besonderer Wert der Schönheit, die Frau wird nicht mehr begehrt, weil ihre Pracht vergangen ist
Vers 13 - Symbol - das Herz ist ein Symbol für die Seele
Strophen 1, 3, 4 - Alliterationen

16.5.16

Barocklyrik - Einführung! Friedrich von Logaus (1605-1655): Krieg und Friede

Krieg und Friede

Die Welt hat Krieg geführt weit über zwanzig Jahr.
Nunmehr soll Friede sein, soll werden, wie es war.
Sie hat gekriegt um das, o lachenswerte Tat,
Was sie, eh sie gekriegt, zuvor besessen hat.

Der 30-jährige Krieg war der Oberbegriff für mehrere Kriege (konfessionelles Zeitalter, Glaubenskonflikt). Sie haben ein ausgeblutetes, ausgeschöpftes Land hinterlassen. In manchen Gebieten betrug der Verlust an Bevölkerung 60-80%. Der Krieg war ein entscheidendes Ereignis in der Literatur, das 17. Jahrhundert war von extremen Gegensätzen geprägt (Rückschritt - Fortschritt).
Die Idee des christlichen Glaubens bestand darin, dass der Mensch auf der Welt leiden musste. Er wurde aufgefordert, sich zu Gott hinzuwenden. Die weltliche Pracht ist vergänglich (vanitas vanitatum et omnia vanitas, memento mori). Dem gegenüber steht das carpe diem-Motiv.

Barockkontraste:

  • Abwertung des Diesseits - Verherrlichung des Jenseits
  • Erotik - Askese (Enthaltung)
  • chaotisches Zeitalter (Verfall und Zerstörung der Städte, die Vergänglichkeit, die Nichtigkeit des Lebens) - eine strenge Form der Lyrik

"lachenswerte Tat" - es ist eine Ironie. Wir haben das bekommen, was wir wollten! Von Logaus bedient sich der Ironie, um zu betonen, dass jetzt alles so werden wollte, wie es war. Ist das jedoch möglich? Kann das Land so sein wie vorher? Der Dichter bringt seine Zweifel zum Ausdruck.
Im Jahre 1555 wurde der Frieden geschlossen. Jetzt soll der Herrscher bestimmen, zu welcher Religion seine Untertanen sich bekennen sollten.
Lasst mich erwähnen, dass Sprachgesellschaften sich im 17. Jahrhundert herausbildeten. Es ist wichtig, weil es ihr Ziel war, der deutschen Sprache einen höheren Rang, eine höhere Bedeutung zuzusprechen. 

28.12.14

Theodor Storm: "Der Schimmelreiter" (1888). Haukes Scheitern

Warum ist Hauke ein gründezeitlicher Mensch?

Hauke zeigt ganz spezielle Interessen (Berechnen und Ausmessen von Landstücken). Er macht sich Gedanken, was man verbessern könnte, hat Verbesserungsvorschläge. Von Kind an hat er daran beharrlich gedacht, sein ganzes Leben der Sache gewidmet. Er scheut keine Mühe, um etwas zu erreichen (z.B. wenn er Holländisch lernt, um ein Buch zu lesen).

Er ist lernfähig, wissbegierig, ehrgeizig, intelligent, begabt. Er will einen neuen Deich mit einem sanfteren Abfall zur Seeseite entwerfen, der besser vor Sturmfluten schützen würde und dem Meer viel Land abgewinnen soll. Er kauft einen verkommenen Schimmel, der sich prächtig entwickelt, sich aber jedem anderen Reiter verweigert. Hauke will zeigen, dass er es wert ist, Deichgraf zu sein - "in seinen Gedanken wuchs fast der neue Deich zu einem achten Weltwunder".

Er ist vom Kleinknecht schnell zum Deichgrafen aufgestiegen. Seine Fähigkeiten haben ihn für diesem Posten prädestiniert. Das Amt des Grafen ist mit Ansehen verbunden. Ein aufklärerisches Gemeinschaftswerk musste misslingen, weil seine Tatkraft sich der Umgebung entfernt hatte. Das Ziel war in greifbarer Nähe, aber - je näher dem Ziel, desto ferner der Umwelt. Hauke hegte widersprüchliche Gefühle: wachsender Groll, zunehmende Missgunst der Dorfbewohner, Liebe zu Elke... Die Worte der Dorfbewohner, dass er seinen Posten dank Elke bekommen habe, spornen ihn an. Das Streben nach dem Erreichen persönlichen Vorteils steht nicht im Widerspruch mit seiner Arbeit. Er hat alles dem Gemeinschaftswerk unterordnet. Die Kluft zwischen Hauke und seinen Mitbürgern vertiefte sich jedoch. Man hat ihm aus Furcht gehorcht.

Warum ist Hauke gescheitert?

Er war mit seinen Plänen alleine. Er war ein Einzelkämpfer, hatte keine Unterstützung. Seine Frau konnte ihm technisch nicht helfen. Die, die das konnten, wollten es nicht. Er scheiterte an Borniertheit, Intoleranz, Bosheit, Unwissenheit, Missgunst der Menschen. Alleine konnte er nicht alles in die Tat umsetzen. Er musste gegen die Ignoranz kämpfen. Mit der Konstruktion des neuen Deiches wollte er die Natur bewältigen, beeinflussen, in den Kreislauf der Natur eingreifen, den Boden dem Meer entreißen. Er hat jedoch die Kräfte der Natur verkalkuliert, mit ihr kann man nicht gewinnen, so scheiterte Hauke auch an Naturgewalt. Die Rechnung ausgestellt für ihn war sehr hoch. Er wollte ein Werk auf Leben und Tod bauen und zunächst scheint es, dass seine Individualität triumphieren kann, aber letztendlich erleidet er eine Niederlage, die zahlreichen Faktoren, u.a. der zunehmenden Vereinsamung, zu "verdanken" ist. 

29.8.14

Theodor Storm: "Der Schimmelreiter" (1888). Wer ist Hauke Haien? Teil 2

Hauke Haien wollte zeigen, dass er es wert ist, Deichgraf zu sein – „in seinen Gedanken wuchs fast der neue Deich zu einem achten Weltwunder“.

Carsten und Iven, die Knechte des Deichgrafen, erblicken eines Abends auf Jeverssand, einer Hallig vor dem Deich, einen Schimmel. Als Carsten hinüberfährt, findet er dort aber kein Pferd, sondern nur ein Gerippe. Einige Tage später kehrt Hauke aus der Stadt von seinem Besuch beim Oberdeichgrafen mit einem Schimmel zurück. Er hat für ihn 30 Taler gezahlt. Der Schimmel lässt Carsten nicht aufsitzen, er lässt ihn sich nur führen. Carsten denkt nun, dass der Teufel im Schimmel stecke, zumal er das Pferdegerippe nicht mehr findet. Dann wechselt er zu Ole Peters. Die Geschichte über das Teufelspferd wird von allen erzählt, die gegen Hauke einen Groll hegen. Die Arbeiter misstrauen ihm und er bezeichnet die Vorurteile als „Altweiberglauben“. Er treibt die Menschen zur Arbeit an – „er allein hatte die Schwäche des alten Deiches erkannt“. Die Leute vermuten, dass er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen habe – alles, was dazu passt, wird als Bestätigung genommen.

Hauke versucht, seine Pläne zu verwirklichen. Er hat jedoch sein Lebenswerk nicht vollendet. Bis heute hat er keine Ruhe gefunden. Immer dann, wenn Gefahr am Deich droht, ist ein Reiter auf dem Schimmel zu sehen.

Hauke musste ständig mit den Dorfbewohnern kämpfen. Er hat erkannt, dass er eine Niederlage erlitten hat. Alles hat er dem Gemeinschaftswerk unterordnet. Er wollte ein Werk auf Leben und Tod bauen.

Mit seinen Plänen war er alleine. Er war ein Einzelkämpfer. Von keiner Seite hat er Unterstützung bekommen. Seine Frau konnte ihm technisch nicht helfen. Die, die das konnten, wollten es nicht. Er war zu idealistisch und scheiterte an Borniertheit, Intoleranz, Bosheit, Unwissenheit, Ungunst, Ignoranz der Mitmenschen. Mit seinen Plänen wollte er die Natur bewältigen, beeinflussen, in den Kreislauf der Natur eingreifen, aber er hat ihre Kräfte verkalkuliert. Mit der Natur kann man nicht gewinnen. Hauke scheiterte an der Naturgewalt. 

16.3.14

Theodor Storm: "Der Schimmelreiter" (1888). Wer ist Hauke Haien? Teil 1

Die Handlung spielt an der Nordseeküste (Nordfriesland) im Jahre 1756.

Hauke Haien ist sehr intelligent, er übernimmt bestimmte Aufgaben für den Deichgrafen, beginnt als Kleinknecht, aber gewinnt im Laufe der Zeit an Anerkennung und tritt das Erbe seines Vaters an, übernimmt den Besitz von seiner Frau Elke. Dann hat er die meisten Besitztümer und wird zum Deichgrafen. Er hat die Grundvoraussetzungen erfüllt.

Er versucht seine Pläne zu verwirklichen, aber hat sein Lebenswerk nicht vollendet. Er muss ständig gegen die Dorfbewohner kämpfen. Seine Klugheit ist überragend, Hauke ist kreativ, ein bisschen übertrieben ehrgeizig. Er ist schweigsam, kommuniziert nicht gerne, wenn er keinen Sinn sieht. Er ist Einzelgänger, Außenseiter. Obwohl er ständig in einer Menschenmenge lebt, hält er Distanz und bleibt unverstanden. Er will beweisen, dass er für seinen Posten geeignet ist, erfüllt seine Aufgaben sorgfältig, gewissenhaft. Er ist visionär, aufgeklärt, nicht abergläubisch.

Es ist ein modern denkender, einfallsreicher Mensch. Er denkt pragmatisch, für ihn zählt die Praxis. Er denkt an das Allgemeinwohl der Bewohner, will etwas für die Gesellschaft tun. Hauke ist zielstrebig, durchsetzungsfähig, anspruchsvoll. Seine Gefühle zeigt er nicht, manchmal ist er anderen Menschen gegenüber unhöflich. Er ist ein guter Ehemann und Vater, braucht auch Liebe und Zuwendung.


Hauke Haien kann als ein herrschsüchtiger und machtsüchtiger Mensch beschrieben werden. Er will Macht ausüben, ist von seiner Idee besessen. 

Theodor Storm: "Der Schimmelreiter" (1888). Der Inhalt. Teil 2

Schon als Kind war Hauke von der See und von den Deichen fasziniert. Oft saß er bis in die tiefe Nacht am Deich und beobachtete, wie die Wellen an den Damm schlugen. Er wollte Deichgraf werden, um die neue Deichform in die Tat umzusetzen. Traditionell wird Deichgraf, wer das meiste Land sein Eigen nennen kann. Die Leute behaupteten, dass etwas Lebendiges im Deich verbaut werden muss, aber Hauke rettete davor einen Hund. Der alte Deich wurde vernachlässigt, eine Sturmflut brach herein und er drohte zu brechen. Den neuen Deich durchstieß man dann auf den Wunsch Ole Peters, der hoffte, dass die Kraft des Wassers sich auf den noch unbewohnten Koog konzentrieren werde. Der alte Deich brach. Hauke hat bis heute keine Ruhe gefunden. Immer wenn eine Gefahr am Deich droht, ist ein Ritter auf einem Schimmel zu sehen. 

27.1.14

Theodor Storm: "Der Schimmelreiter" (1888). Der Inhalt. Teil 1

Helden: 

Hauke Haien – Deichgraf
Wienke – seine Tochter
Elke – seine Frau
Trin‘ Jans – die abergläubische Alte
Tede Volkerts – der alte Deichgraf
Jewe Manners – der Pate Elkes
Carsten und Iven – die Knechte des Deichgrafen
Ole Peters – heiratet Vollina Harders und wird zum Deichgevollmächtigten als Nachfolger von Jewe Manners

Hauke zeigt ganz spezielle Interessen (Berechnen und Ausmessen von Landstücken). Er hat sich Gedanken gemacht, was man verbessern kann, hat viele Verbesserungsvorschläge. Er hat auch Kenntnisse, ist sehr lernfähig, wissbegierig. Er scheut keine Mühe, um etwas zu erreichen (z.B. wenn er Holländisch lernt, um ein Buch zu lesen) und wird endlich zum Deichgrafen. Man kann ihn als einen ehrgeizigen, intelligenten und begabten Menschen beschreiben. Er möchte einen neuen Deich bauen, mit einem sanfteren Abfall zur Seeseite, der besser vor Sturmfluten schützen würde und der dem Meer viel Land abgewinnen soll. Er will zeigen, dass er es wert ist, Deichgraf zu sein, „in seinen Gedanken wuchs fast der neue Deich zu einem achten Weltwunder“.


Carsten und Iven, die Knechte des Deichgrafen, erblicken eines Abends auf Jeverssand, einer Hallig vor dem Deich, einen Schimmel. Als Carsten hinüberfährt, findet er dort aber kein Pferd, sondern nur ein Gerippe. Einige Tage später kehrt Hauke von einem Besuch beim Oberdeichgrafen mit einem Schimmel zurück. Es ist ein verkommener Schimmel, der sich dann prächtig entwickelt, sich aber jedem anderen Reiter verweigert. Er hat ihn für 30 Taler gekauft. Das Pferd lässt Carsten nicht aufsitzen, nur führen. Dieser denkt nun, dass ein Teufel in dem Schimmel stecke, zumal er das Pferdegerippe nicht mehr findet. So wechselt er zu Ole Peters, der Gerüchte über Haike verbreitet. Die Geschichte über das Teufelspferd wird von allen erzählt, die gegen Hauke einen Groll hegen. Die Arbeiter misstrauen ihm. Hauke nennt das „Altweiberglauben“ und treibt die Menschen zur Arbeit an: „er allein hatte die Schwäche des alten Deiches erkannt“. Er versucht neue Ideen zu verwirklichen. Die Leute vermuten, dass er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat – alles, was dazu passt, wird als Bestätigung genommen. 

8.10.13

Theodor Storm: "Der Schimmelreiter" (1888)

Die Reihenfolge der Ereignisse:

1.       Die Reise des Erzählers den Deich entlang und die Begegnung mit dem Schimmelreiter

2.       Die Erzählung des Schulmeisters:
a)      das Interesse am Ausmessen und Berechnen von Landstücken, am Deichbau des jungen Hauke
b)      Hauke plant und entwirft schon als ein Kind einen besseren Deich
c)       die Arbeit als Knecht beim Deichgrafen Tede Volkerts, er hilft vor allem beim Rechnen und Planen
d)      der Konflikt zwischen Hauke und dem Großknecht Ole Peters
e)      der Tod Haukes Vaters und des Deichgrafen
f)       die Diskussion über die Wahl des neuen Deichgrafen
g)      Hauke wird zum neuen Deichgrafen, er heiratet dann Elke
h)      Hauke beginnt seinen Plan zu verwirklichen (Deichbau)
i)        er kauft den Schimmel
j)        während des Deichbaues trifft er auf Aberglaube und auf Misstrauen der Dorfbewohner
k)      Hauke will die Reparatur des alten Deichs unternehmen, aber Ole Peters lacht ihn aus
l)        Sturmflut: Ole Peters lässt den neuen Deich durchstoßen und der alte Deich bricht
m)    Haukes Frau und Kind kommen ums Leben; er stürzt sich mit dem Pferd ins Wasser.


Die Novelle hat eine doppelte Rahmenkonstruktion: in der Geschichte, die der Autor gelesen hat, tritt der Reisende auf – ihm erzählt der Schulmeister die Geschichte. So wirkt die Geschichte objektiv, glaubwürdig. 

5.10.13

"Immensee": meine Interpretation

„Immensee“ ist eine Novelle mit Rahmenkonstruktion und einer Reihe von Symbolen. Die Wasserlilie symbolisiert eine unerfüllte, unglückliche, unerreichbare Liebe. Sie steht auch für die Einsamkeit von Elisabeth, Reinhard und Erich. Sie ist die einzige Lilie auf dem See. Die Lieder sind eine Art Antizipation – sie bereiten den Leser vor. Das Lied des Zithermädchens war eine böse Prophezeiung – dass Reinhard einsam bleiben wird.

Die Themen der Novelle:

1. Eine unerfüllte, unglückliche Liebe. Der Verzicht auf die Liebe, auf das Glück
2. Die Vergänglichkeit – alles hat irgendwann ein Ende
3. Das Altern
4. Die Gestalt des Dichters, der dazu verurteilt ist, zu leiden und in Höllenqualen zu leben
5. Die Einsamkeit

Reinhard ist zu passiv, er hat nie Initiative ergriffen. Elisabeth verlobte sich mit Erich, weil ihre Mutter die Treibkraft war. Sie hatte die Ehe in die Wege geleitet. Erich ist ein wohlhabender Mann, kann Elisabeth eine sichere Zukunft anbieten. Reinhard hat zwei Jahre lang geschwiegen, war nicht genug mutig, hat im Voraus verzichtet, nicht versucht, etwas zu verändern. Er trägt die meiste Schuld für das Ende der Liebesgeschichte, hat Elisabeth nicht einmal gesagt, was er fühlt. Er hat das Glück im Voraus aufgegeben.

Elisabeth ist sensibel, zart, empfindlich, liebevoll, freundlich, lebensfroh, fröhlich, pflichtbewusst, kindlich, unreif, naiv, nachgiebig. Sie ist keine starke Person, folgte den Worten der Mutter. Sie war von ihr so beeinflusst, dass sie nicht anders entscheiden durfte. Sie ist intelligent und wissbegierig, an vielen Sachen interessiert. Mit Erich bleibt sie auf dem Lande und wird Hausfrau.

Reinhard ist künstlerisch vielseitig begabt, sehr intelligent, empfindlich, passiv, geschlossen, unverantwortlich. Er hat keine Durchsetzungskraft, ist feige. Ihm fehlt der Mut, etwas zu unternehmen. Er verspielt sein Leben.


Erich ist verantwortlich, pflichtbewusst, vertrauensvoll. Er kümmert sich um die Familie. Er ist praktisch, nicht so sensibel und romantisch wie Reinhard. Es ist ein wohlhabender Mann, der Elisabeth den Lebensunterhalt sichern kann. Vielleicht will er nicht einsehen, dass Elisabeth in der Ehe nicht glücklich ist. Das würde seine Ehre verletzen. 

Theodor Storm: "Immensee". Teil 9

"Der Alte" 

Ein alter Mann sitzt auf seinem Stuhl und schaut vor sich hin. Er sieht einen See und eine schwarze Wasserlilie, die einsam ist und nicht erreicht werden kann. Eine Frau, Brigitte, kommt zu ihm und bringt ihm eine Lampe. Dann beschäftigt er sich mit seinen Studien, denen er seine Jugend gewidmet hat. 

30.9.13

Theodor Storm: "Immensee". Teil 8

„Elisabeth”

Am nächsten Nachmittag gingen Elisabeth und Reinhard spazieren. Auf die Bitte Erichs sollte sie ihm die Umgebung zeigen. Reinhard erinnerte sich an die vergangenen Zeiten, als die beiden nach Erdbeeren gesucht hatten. Er dachte mit Sehnsucht an die Vergangenheit, empfand leidenschaftlichen Schmerz. Die Umgebung evozierte in ihm Erinnerungen, z.B. eine Blume – Erika, die er fand, die er auch zwischen den Blättern in einem alten Buch hat und die er von Elisabeth bekommen hatte. Sie konnte sich daran noch erinnern. Daraufhin fragte Reinhard: hinter jenen blauen Bergen liegt unsere Jugend. Wo ist sie geblieben?

Die beiden sagten kein Wort, sondern wanderten weiter. Ein Gewitter zog auf, sie begaben sich also mit dem Kahn nach Hause. Reinhard beobachtete Elisabeth und verstand, dass sie das gleiche empfindet wie er: Er sah auf ihr jenen feinen Zug geheimen Schmerzes, der sich so gern schönen Frauenhände bemächtigt, die nachts auf krankem Herzen liegen.

Am Hof angekommen, begegneten sie einer Bettlerin. Elisabeth gab ihr den Inhalt ihrer Geldbörse und ging weinend ins Haus. Die Bettlerin bewegte sich nicht. Reinhard meinte, dass sie noch ein Almosen wolle, aber es war nicht der Fall. Reinhard hörte nur die Worte eines alten Liedes:

Sterben, ach sterben
soll ich allein!

In seinem Zimmer begann Reinhard zu arbeiten, aber konnte sich nicht konzentrieren. Er ging ins Familienzimmer, aber niemand war da. Dann fuhr er mit dem Kahn am See und kam nach Hause zurück, als es schon dunkel geworden war. Leise saß er in seinem Zimmer und hörte nur das Schlagen seines Herzens.  Unter ihm im Hause ging alles zur Ruh, die Nacht verrann er fühlte es nicht. – So saß er stundenlang. Endlich stand er auf und legte sich ins offene Fenster. Der Nachttau rieselte zwischen den Blättern, die Nachtigall hatte aufgehört zu schlagen. Allmählich wurde auch das tiefe Blau des Nachthimmels von Osten her durch einen blaßgelben Schimmerverdrängt; ein frischer Wind erhob sich und streifte Reinhards heiße Stirn; die erste Lerche stieg jauchzend in die Luft. 


In dieser geruhsamen Stimmung schrieb er einige Zeilen, nahm seinen Hut und seinen Stock und kam in den Garten, wo er merkte, dass die Nacht schon vorbei war. Plötzlich näherte sich ihm Elisabeth, die behauptete, dass er nie wieder zurückkomme. Er gestand ihr, dass sie Recht habe. Sie sagte kein Wort mehr. Dann kehrte er sich gewaltsam ab und ging zur Tür hinaus. – Draußen lag die Welt im frischen Morgenlichte, die Tauperlen, die in den Spinngeweben hingen, blitzten in den ersten Sonnenstrahlen. Er sah nicht rückwärts; er wanderte rasch hinaus; und mehr und mehr versank hinter ihm das stille Gehöft, und vor ihm auf stieg die große, weite Welt. – –

1.9.13

Theodor Storm: "Immensee". Teil 7

"Meine Mutter hat's gewollt" 

An einem Abend saß die Familie gemütlich im Gartensaal zusammen. Neben Reinhard saß Elisabeth. Man bat ihn, einige Volkslieder zu singen, die ihm von einer Frau vom Lande zugeschickt worden waren. Über die Herkunft von Liedern sagte Reinhard:

Sie werden gar nicht gemacht; sie wachsen, sie fallen aus der Luft, sie fliegen über Land wie Mariengarn, hierhin und dorthin und werden an tausend Stellen zugleich gesungen. Unser eigenstes Tun und Leiden finden wir in diesen Liedern; es ist, als ob wir alle an ihnen mitgeholfen hätten. 

Eines der Lieder kannte auch Elisabeth und sang mit Reinhard mit. Inzwischen nähte die Mutter und Reinhard hörte zu. Als sie fertig waren, war es ganz leise. Plötzlich hörten sie einen Knaben dasselbe Lied singen:

Ich stand auf hohen Bergen
Und sah ins tiefe Tal ...

Es stellte sich heraus, dass das Lied in dieser Gegend oft gesungen wird.
Als es schon dunkler wurde, las Reinhard das nächste Lied vor:
Meine Mutter hat's gewollt,
den andern ich nehmen sollt;
was ich zuvor besessen,
mein Herz sollt es vergessen;
das hat es nicht gewollt.
Meine Mutter klag ich an,
sie hat nicht wohl getan;
was sonst in Ehren stünde,
nun ist es worden Sünde;
was fang ich an?
Für all mein Stolz und Freud
gewonnen hab ich Leid.
Ach, war das nicht geschehen,
ach, könnt ich betteln gehen
über die braune Heid!


Beim Lesen zitterten Reinhard die Hände. Elisabeth schwieg und begab sich in den Garten. Reinhard ging an den See spazieren und sah die Lilie wieder. Er schwamm in ihre Richtung, aber es schien ihm, als ob die Entfernung zwischen ihm und der Blume nicht geringer geworden wäre. Endlich näherte er sich ihr, fühlte sich jedoch unheimlich. Als er ins Haus zurückkam, fand er Erich und die Mutter vor, die sich mit Vorbereitungen auf eine Geschäftsreise beschäftigten. Auf ihre Frage, wo er gewesen war, antwortete Reinhard, dass er die Wasserlilie besucht hatte, die er früher gekannt hatte. Es war jedoch schon lange her. 

8.7.13

Theodor Storm: "Immensee". Teil 6

"Immensee"


Wieder sind einige Jahre vergangen. An einem Frühlingsnachmittag wanderte ein junger Mann mit einem kräftigen, gebräunten Antlitz (Reinhard). Er fragte einen Bauern, wo Immensee ist. Es war ein See von Wäldern umgeben, an dem sich ein Herrenhaus befand: ruhig, dunkelblau, fast ringsum von grünen, sonnbeschienenen Wäldern umgeben. Der See war sein Reiseziel. Der Mann ging steil den Berg hinab. Erich – ein stattlicher Mann im braunen Überrock – kam ihm entgegen. Sie reichten sich die Hände und begrüßten einander herzlich. Die Ankunft von Reinhard wird eine Überraschung für Elisabeth und auch für seine Mutter sein, weil Erich den beiden von dem geplanten Besuch nicht gesagt hat. 

Erich hatte vor zwei Jahren eine Spritfabrik angelegt. Beide erreichten das Haus:  Sie waren bei diesen Worten auf einen geräumigen Platz gekommen, der an den Seiten durch die ländlichen Wirtschaftsgebäude, im Hintergrunde durch das Herrenhaus begrenzt wurde, an dessen beide Flügel sich eine hohe Gartenmauer anschloß; hinter dieser sah man die Züge dunkler Taxuswände, und hin und wieder ließen Syringenbäume ihre blühenden Zweige in den Hofraum hinunterhängen.  Auf der Terrasse vor der Gartentür saß Elisabeth. Reinhard wusste nicht, was er sagen sollte. Er war sprachlos, als er die Stimme von Elisabeth hörte und fühlte einen körperlichen Schmerz am Herzen. Erich hatte es vor, Reinhard zu bewirten, damit er sich wie zu Hause fühlt. 

Am anderen Tag ging er mit Erich auf die Acker, in die Weinberge, in den Hopfengarten, in die Spritfabrik. Die Menschen, die dort arbeiteten, hatten ein gesundes und zufriedenes Aussehen. Abends arbeitete Reinhard in seinem Zimmer. Er hatte seit langem die im Volke lebenden Reime und Lieder gesammelt und fing dann an, sie zu ordnen. Auch neue aus der Gegend kamen hinzu. Elisabeth war sanft und freundlich, Erich behandelte sie sehr gut und sie war ihm dankbar. Zweifelsohne liebte er sie.

Seit dem zweiten Aufenthaltstag pflegte Reinhard einen Spaziergang am Ufer des Sees zu machen. Der Weg führte an einem Garten vorbei, in dem sich eine Bank unter den Birkenbefand, von der Mutter Abendbank getauft. Als Reinhard eines Tages vom Spaziergang zurückkam, regnete es heftig. Er glaubte eine Frauengestalt unter den Birken bemerkt zu haben und meinte, es sei Elisabeth gewesen. Als er versuchte sie zu erreichen, wandte sie sich ab und entfernte sich. Einerseits war er auf sie böse, andererseits hatte er Zweifel, ob sie es war.

22.6.13

Theodor Storm: "Immensee". Teil 5

"Ein Brief"



Reinhard saß in seinem Zimmer und wartete auf einen Freund, als die Wirtin kam und ihm einen Brief übergab. Nach seinem Besuch schrieb Reinhard an Elisabeth nicht und bekam auch keinen Brief von ihr. Nach zwei Jahren kam jedoch ein Brief von seiner Mutter, die ihn darüber informierte, dass Elisabeth gestern den Heiratsantrag von Erich angenommen hatte. Im letzten Vierteljahr habe er zwei Mal vergeblich gefragt. Die Hochzeit solle bald stattfinden. 

»In Deinem Alter, mein liebes Kind hat noch fast jedes Jahr sein eigenes Gesicht: denn die Jugend läßt sich nicht ärmer machen. Hier ist auch manches anders geworden, was Dir wohl erstan weh tun wird, wenn ich Dich sonst recht verstanden habe. Erich hat sich gestern endlich das Jawort von Elisabeth geholt, nachdem er in dem letzten Vierteljahr zweimal vergebens angefragt hatte. Sie hat sich immer nicht dazu entschließen können; nun hat sie es endlich doch getan; sie ist auch noch gar so jung. Die Hochzeit soll bald sein, und die Mutter wird dann mit ihnen fortgehen.«

21.4.13

Theodor Storm: "Immensee". Teil 4

"Daheim"


Zu Ostern reiste Reinhard in seine Heimatstadt. Er begab sich zu Elisabeth. Beide bemerkten, dass sie sich verändert haben. Beide fühlten, dass sie jetzt einander fremd sind. Etwas Fremdes entstand zwischen ihnen. Sie hatten keine gemeinsamen Gesprächsthemen und wussten nicht, worüber sie sich unterhalten sollten. Das Mädchen schein Reinhards Gesellschaft zu vermeiden. Um die Zeit totzuschlagen, begann er, Elisabeth Botanik beizubringen. An der Universität war die Botanik seine Nebenbeschäftigung. 

Eines Tages, als Reinhard Elisabeth abzuholen beabsichtigte, bemerkte er in ihrem Zimmer einen Kanarienvogel. Im vergoldeten Käfig hat früher der Hänfling gelebt – das Geschenk von Reinhard. Es stellte sich heraus, dass Elisabeth den Kanarienvogel von Erich bekommen hatte. Erich verfügte seit einem Monat über einen Hof seines Vaters am Immensee. Elisabeths Mutter lobt Erich und bezeichnete ihn als einen „lieben, verständigen jungen Mann“. In den Augen von Elisabeth bemerkte Reinhard Kummer, etwas, was vorher im krassen Widerspruch zu ihrem Wesen stand. Reinhard war traurig und teilte Elisabeth mit, dass er den Kanarienvogel nicht leiden könne. Das Mädchen erwiderte, dass er „sonderbar“ sei. 

Nach dem Kaffeetrinken beschäftigten sich die beiden mit dem Ordnen von Blumen. Reinhard zeigte Elisabeth ein kleines Buch, in dem sich Verse befanden:  »Als sie vom Schulmeister gescholten war.« »Als sie sich im Walde verirrt hatten.« »Mit dem Ostermärchen.« »Als sie mir zum erstenmal geschrieben hatte«. Es waren Erinnerungen und Überschriften. Beim Lesen von diesen Versen wurde Elisabeth rot und schwieg. 

Endlich kam der Morgen, an dem Reinhard verreisen musste. Elisabeth begleitete ihn zum Postwagen. Er fühlte die ganze Zeit, dass er ihr etwas Wichtiges zu sagen habe, aber konnte keine Worte finden. Er dachte im Stillen darüber nach, wie er seine Gefühle zum Ausdruck bringen kann.  

Er fragte Elisabeth, ob sie auf ihn warten werde. Schließlich werden sie sich zwei Jahre lang nicht sehen. Sie erwiderte, dass sie ihn verteidigt habe, als ihre Mutter behauptete, dass er sich verändert habe und ein anderer Mensch sei. Reinhard versicherte Elisabeth, dass er der gleiche Mensch wie früher sei. Er versprach ihr, dass er ihr in zwei Jahren ein Geheimnis verraten werde. 

Der Kanarienvogel ist ein Symbol für gravierende Veränderungen, für die Kluft zwischen Reinhard und Elisabeth. Sie leben in anderen Welten und repräsentieren eine andere Denkweise. Die Stelle von Reinhard hatte Erich übernommen. An Elisabeths Seite ist jetzt Erich, ein anderer Mann ist im Spiel. Die Kluft zwischen Reinhard und Elisabeth ist deutlich zu sehen, aber er will es nicht wahrhaben. Es wäre verfehlt zu meinen, dass die Entfernung keinen Einfluss auf die junge Liebe habe. Eines ist deutlich ablesbar: das Leben in anderen Welten macht sich durch den Mangel an gemeinsamen Themen und Beschäftigungen bemerkbar.