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21.9.16

Christian Hofmann von Hofmannswaldau: "Die Welt" (1679). Analyse und Interpretation. Teil 2

Stilmittel im Sonett:

Vers 1 und 2 - zwei Fragen --> eine deutliche Aufforderung, Verstärkung - der Zusammenhang der Fragen wird durch die Anapher verstärkt

Vers 1 und 2, 3 und 4, 5-8 - Anapher

"berühmtes Glänzen", "ganze Pracht" - Ironie

Vers 3 - "schnöder Schein" - Alliteration 

Vers 4 - "ein schneller Blitz" - Metapher, bedeutet die kurze Dauer. Es ist auch ein Pleonasmus - der Blitz ist immer schnell, dies betont, wie schnell die Vergänglichkeit ist. "schwarz gewölkte Nacht" --> steht für die Welt, für die Widersprüchlichkeit

Vers 7 - "Sklavenhaus" - Metapher --> Leiden, Last, Leben, Schwierigkeiten, Belastung 

Vers 8 - "faules Grab" - Metapher --> steht für die kurze Dauer des irdischen Lebens 

Strophe 2 - "Kummerdisteln", "Spital", "Krankheit", "Sklavenhaus", "Menschen dienen", "Grab" - Akkumulation --> inhaltliche Steigerung 

Vers 9 - "darauf wir Menschen bauen" - Inversion 

Vers 10 - "Abgott" --> der falsche Gott, das irdische Leben

"Fleisch" --> die Existenz, das Leben --> die Vergänglichkeit wird betont 

Vers 11 - "Komm Seele [...] und lerne weiter schauen" - Personifikation, Verstärkung durch den Imperativ 

Vers 13 - "Prangen" - Symbol für die Last des Lebens, für das Leiden 

Vers 15 - "Port" --> Metapher für den Himmel, für das Jenseits, für den Hafen des Jenseits 

10.9.16

Christian Hofmann von Hofmannswaldau: "Die Welt" (1679). Analyse und Interpretation. Teil 1

WAs ist die Welt / und ihr berühmtes gläntzen?
Was ist die Welt und ihre gantze Pracht?
Ein schnöder Schein in kurtzgefasten Gräntzen /
Ein schneller Blitz bey schwartzgewölckter Nacht.

Ein bundtes Feld / da Kummerdisteln grünen;
Ein schön Spital / so voller Kranckheit steckt.
Ein Sclavenhauß / da alle Menschen dienen /
Ein faules Grab / so Alabaster deckt.

Das ist der Grund / darauff wir Menschen bauen /
Und was das Fleisch für einen Abgott hält.
Komm Seele / komm / und lerne weiter schauen /
Als sich erstreckt der Zirckel dieser Welt.

Streich ab von dir derselben kurtzes Prangen /
Halt ihre Lust vor eine schwere Last.
So wirstu leicht in diesen Port gelangen /
Da Ewigkeit und Schönheit sich umbfast.

Der Text

Form:
- abwechselnd 10 und 11 Silben
- 4 Strophen

Metrum:
- fünfhebiger Jambus
- abwechselnd weibliche und männliche Kadenzen
Rhythmus: monoton, träge, melancholisch

Struktur:

- Vers 1 und 2 --> Fragen
- Vers 3-8 --> das lyrische Ich beschreibt, wie die Welt ist und antwortet auf die Fragen.
- Vers 11-16 --> das Jenseits, die Seele wird angesprochen

Inhalt: Der Leser wird aufgefordert, sich mit den Fragen zu beschäftigen. Wir leben in einer Scheinwelt, deren Grundlagen nicht stabil sind. Die Pracht der Welt ist eine Täuschung. Die Seele sollte die eitle Welt verlassen, auf der Welt nicht mehr verweilen, über sie hinausschauen. Das Leben ist eine schwere Last, der Mensch muss viele Schwierigkeiten bewältigen. Der Tod ist eine Art Befreiung, im Jenseits kann die Seele für immer bleiben.

Korrespondenz von Inhalt und Form: Im Zeitalter des Barocks herrschte Chaos (Dreißigjähriger Krieg, Glaubensspaltung). Die Form des Sonetts ist streng gehalten. Widersprüchlichkeit: Chaos ≠ strenge Form

Motive: Vergänglichkeit, Tod, Nichtigkeit, Schein und Wirklichkeit, Kritik an "carpe diem"

Interpretation: Die Seele ist unvergänglich. Sie sollte die Last des Lebens ablehnen, sich befreien. Der Körper, das Materielle sind vergänglich. Der Mensch sollte sich auf die Seele konzentrieren, weil sie ewig ist und weil er das ewige Glück im Jenseits erreichen kann. In der Gesellschaft achten die Menschen auf Nichtigkeiten, auf unbedeutende Sachen, die vergänglich sind.

Die Welt hat eine negative Atmosphäre. Das Jenseits wird positiv beschrieben - als der Ort des ewigen Glücks (religiöser Hintergrund). Die Erde als "Abgott" wird als nicht vollkommen geschildert, als eine Last. Im Jenseits gibt es keine Last, sondern Befreiung.

Der Mensch irrt sich, er wandert in Dunkelheit und erkennt sein wahres Ziel nicht. Er ist diesseitsorientiert, während die Welt traurig und leidvoll ist. Das Schöne lebt kurz. Nur die Fassade scheint schön zu sein, aber das Fundament ist nicht stabil. Im Jenseits gibt es Sicherheit, keine Gegensätze.

Intention: Das Gedicht hat einen belehrenden Charakter, typisch für den Barock. Der Mensch wird dazu aufgefordert, unwesentliche Sachen abzulehnen und sein Lebens auf das Jenseits auszurichten. Er sollte erkennen, dass nur die Seele wichig ist und dass nur sie ewig dauert. Der Mensch sollte positive, echte Werte suchen. Er wird vor der Nichtigkeit und Vergänglichkeit gewarnt.

Aktualität: Das Gedicht kann auch den modernen Menschen der Gegenwart ansprechen. Auch heutzutage haben die Menschen kein sicheres Fundament. Sie sind durch Konflikte, Krisen, Kriege verunsichert.

Kernaussage: Der einzige Ausweg für den verunsicherten Menschen ist das Jenseits. Der Mensch sollte das wirklich Wahre erkennen.

21.5.16

Barocklyrik: Christian Hofmann von Hoffmannswaldau - "Vergänglichkeit der Schönheit" (1695)

Es wird der bleiche Tod mit seiner kalten Hand (a)
Dir endlich mit der Zeit um deine Brüste streichen (b)
Der liebliche Corall der Lippen wird verbleichen; (b)
Der Schultern warmer Schnee wird werden kalter Sand (a)

Der Augen süsser Blitz, die Kräffte deiner Hand (a)
Für welchen solches fällt, die werden zeitlich weichen (b)
Das haar, das itzund kan des Goldes Glantz erreichen (b)
Tilget endlich tag und jahr als ein gemeines band. (a)

Der wohlgesetzte Fuss, die lieblichen Gebärden (c)
Die werden theils zu Staub, theils nichts und nichtig werden (c)
Denn opfert keiner mehr der Gottheit deiner pracht. (d)

Diß und noch mehr als diß muß endlich untergehen (c)
Dein Hertze kan allein zu aller Zeit bestehen (c)
Dieweil es die Natur aus Diamant gemacht. (d) 

Das Sonett hat eine Form des Alexandriners (sechshebiger Jambus mit Zäsur in der Mitte jedes Verses). Der Jambus nimmt eine steigende Form an. Der Rhythmus ist monoton, träge, melancholisch.

Die Form des Sonetts ist streng gehalten. Eine Diskrepanz (Widersprüchlichkeit) zwischen chaotischem Zeitalter und strenger Form kann aufgewiesen werden.

Einordnung in die Epoche: vanitas, memento mori - diese Motive spiegeln die barocke Lebenseinstellung wider.

In der ersten und zweiten Strophe werden folgende Motive angesprochen:
- der Verlust der Schönheit - der Tod wartet schon auf die Frau
- die kurze Dauer des Lebens
- das Altern (die Veränderungen - die Kräfte lassen nach, der Verfall des Körpers)

In der dritten Strophe wird betont, dass auch innere Werte vergehen, zu Nichtigkeit werden. In der vierten wird hervorgehoben, dass nur die Seele nach dem Tode weiter besteht.

Die irdische, äußere Schönheit muss untergehen, weil sie vergänglich, unbedeutend ist. Sie existiert kurz. Das Motiv des Scheins und der Wirklichkeit fällt zweifelsohne auf. Die Jenseitsorientierung wird kritisiert. Wir müssen uns unserer Vergänglichkeit bewusst sein, unserer Sterblichkeit. Nur die Seele existiert weiter - nur das Herz. Im Wesentlichen geht es um Kritik an Eitelkeit. Wir sollten die Schönheit als vergänglich anerkennen.

Der belehrende Charakter ist typisch für die Barocklyrik. Das lyrische Ich will die Leser belehren, sich der Vergänglichkeit bewusst zu sein.

Rhetorische Mittel: 

Vers 1 - Personifikation - der Tod wartet, lauert
Vers 3 - Metapher - Lebendigkeit --> die Lippen werden verbleichen, ihre schöne Farbe ist auch vergänglich
Vers 4 - Oxymoron, Inversion - Verfall des Körpers nach dem Tode --> "warmer Schnee"
Vers 5 - Metapher - "der Augen süsser Blitz"
Vers 10 - correctio - wir werden zu Staub werden. Nein, sogar nur Nichtigkeit!
Vers 11 - Hyperbel - besonderer Wert der Schönheit, die Frau wird nicht mehr begehrt, weil ihre Pracht vergangen ist
Vers 13 - Symbol - das Herz ist ein Symbol für die Seele
Strophen 1, 3, 4 - Alliterationen

16.5.16

Barocklyrik - Einführung! Friedrich von Logaus (1605-1655): Krieg und Friede

Krieg und Friede

Die Welt hat Krieg geführt weit über zwanzig Jahr.
Nunmehr soll Friede sein, soll werden, wie es war.
Sie hat gekriegt um das, o lachenswerte Tat,
Was sie, eh sie gekriegt, zuvor besessen hat.

Der 30-jährige Krieg war der Oberbegriff für mehrere Kriege (konfessionelles Zeitalter, Glaubenskonflikt). Sie haben ein ausgeblutetes, ausgeschöpftes Land hinterlassen. In manchen Gebieten betrug der Verlust an Bevölkerung 60-80%. Der Krieg war ein entscheidendes Ereignis in der Literatur, das 17. Jahrhundert war von extremen Gegensätzen geprägt (Rückschritt - Fortschritt).
Die Idee des christlichen Glaubens bestand darin, dass der Mensch auf der Welt leiden musste. Er wurde aufgefordert, sich zu Gott hinzuwenden. Die weltliche Pracht ist vergänglich (vanitas vanitatum et omnia vanitas, memento mori). Dem gegenüber steht das carpe diem-Motiv.

Barockkontraste:

  • Abwertung des Diesseits - Verherrlichung des Jenseits
  • Erotik - Askese (Enthaltung)
  • chaotisches Zeitalter (Verfall und Zerstörung der Städte, die Vergänglichkeit, die Nichtigkeit des Lebens) - eine strenge Form der Lyrik

"lachenswerte Tat" - es ist eine Ironie. Wir haben das bekommen, was wir wollten! Von Logaus bedient sich der Ironie, um zu betonen, dass jetzt alles so werden wollte, wie es war. Ist das jedoch möglich? Kann das Land so sein wie vorher? Der Dichter bringt seine Zweifel zum Ausdruck.
Im Jahre 1555 wurde der Frieden geschlossen. Jetzt soll der Herrscher bestimmen, zu welcher Religion seine Untertanen sich bekennen sollten.
Lasst mich erwähnen, dass Sprachgesellschaften sich im 17. Jahrhundert herausbildeten. Es ist wichtig, weil es ihr Ziel war, der deutschen Sprache einen höheren Rang, eine höhere Bedeutung zuzusprechen. 

24.8.12

Heinrich Heine: "Der Tannhäuser"

Heinrich Heine (1797-1856) teilte die Menschen in zwei Gruppen ein:

Die Epikureer (Hedonisten) – sie genießen das Leben und nutzen jede Gelegenheit, um Spaß zu haben

„Schmalbrüstige Nazarener“ – die Menschen, die asketisch leben, die tief religiös sind. Sie hoffen darauf, dass sie nach dem Tode belohnt werden.

Heine war eindeutig auf der Seite der Hedonisten. Er war gegen Askese und Entsagung.

Der Tannhäuser“ ist eine Ballade. Der Text enthält Elemente der Lyrik (die Struktur, der lyrische Hintergrund, die Gefühlsintensität), der Epik (die Handlung) und des Dramas (Dialoge, Monologe, der dramatische Konflikt). Heine entnahm die Thematik einer mittelalterlichen Legende.

Tannhäuser war kein typischer Ritter, er war jedoch ein typischer Repräsentant des zeitgenössischen Menschen. Er war satt, wollte Abwechslung, wollte etwas Neues probieren. Er suchte ständig nach seinem Platz im Leben, erfüllte sich weder in der Welt der Sinne und der Genüsse noch in der Welt der christlichen Moral. Auch wenn er sich für etwas entschied und kurzfristig zufrieden war, fühlte er sich später trotzdem unerfüllt. Er war zerrissen. Er war weder mit genussvollem Leben noch mit der christlichen Moral zufrieden. Er konnte sich nicht zurechtfinden.

Bei Venus genoss er das Leben richtig. Sie las ihm jeden Wunsch von den Augen ab. Die beiden genossen richtig die sinnliche Ebene des Lebens (Lust, Essen, Trinken). Venus nahm die Rolle der Hausfrau an. Nach einer Zeit sehnte er sich danach, was ihm gefehlt hatte (Tränen, Schmerzen, Leid):

Frau Venus, meine schöne Frau,
Von süßem Wein und Küssen
Ist meine Seele geworden krank;
Ich schmachte nach Bitternissen.
Wir haben zuviel gescherzt und gelacht,
Ich sehne mich nach Tränen,
Und statt mit Rosen möcht ich mein Haupt
Mit spitzigen Dornen krönen
“.

Er begab sich nach Rom und bat den Papst Urban um Vergebung, beichtete bei ihm:

Schaun dich die großen Augen an,
So bist du wie angekettet;
Ich habe nur mit großer Not
Mich aus dem Berg gerettet.
Ich hab mich gerettet aus dem Berg,
Doch stets verfolgen die Blicke
Der schönen Frau mich überall,
Sie winken: komm zurücke!


Ich gäb ihr die Sonne, ich gäb ihr den Mond,
Ich gäbe ihr sämtliche Sterne.
Ich liebe sie mit Allgewalt,
Mit Flammen, die mich verzehren,
Ist das der Hölle Feuer schon,
Die Gluten, die ewig währen?“
„Errette mich von der Höllenqual
Und von der Macht des Bösen!


Der Zauber, dem der Ritter verfallen war, war zu stark. Der Papst half ihm nicht, lehnte den Ritter ab:

Du bist verworfen, du bist verdammt
Zu ewigen Höllenqualen
“.

Tannhäuser konnte sich dem Zauber nicht entziehen. Er kehrte zu Venus zurück:

Ich hatte Geschäfte in Rom
Auch hab ich in Rom den Papst gesehn,
Der Papst er läßt dich grüßen
.“

1.7.12

"Im Sommer"

J. W. von Goethe - "Im Sommer"

Wie Feld und Au
So blinkend im Thau!
Wie perlenschwer
Die Pflanzen umher!
Wie durch's Gebüsch
Die Winde so frisch!
Wie laut im hellen Sonnenstrahl
Die süßen Vöglein allzumal!

Ach, aber da,
Wo Liebchen ich sah,
Im Kämmerlein,
So nieder und klein,
So rings bedeckt,
Der Sonne versteckt,
Wo blieb die Erde weit und breit
Mit aller ihrer Herrlichkeit!

27.5.12

J. W. von Goethe - Mai

Johann Wolfgang von Goethe - Mai:

Leichte Silberwolken schweben
Durch die erst erwärmten Lüfte,
Mild, von Schimmer sanft umgeben,
Blickt die Sonne durch die Düfte.
Leise wallt und drängt die Welle
Sich am reichen Ufer hin;
Und wie reingewaschen helle,
Schwankend hin und her und hin,
Spiegelt sich das junge Grün.

Still ist Luft und Lüftchen stille;
Was bewegt mir das Gezweige?
Schwüle Liebe dieser Fülle,
Von den Bäumen durchs Gesträuche.
Nun der Blick auf einmal helle,
Sieh! der Bübchen Flatterschar,
Das bewegt und regt so schnelle,
Wie der Morgen sie gebar,
Flügelhaft sich Paar und Paar.

Fangen an, das Dach zu flechten –
Wer bedürfte dieser Hütte? –
Und wie Zimmrer, die gerechten,
Bank und Tischchen in der Mitte!
Und so bin ich noch verwundert,
Sonne sinkt, ich fühl es kaum;
Und nun führen aber hundert
Mir das Liebchen in den Raum,
Tag und Abend, welch ein Traum!

7.4.12

April

J.W. von Goethe - April

Augen, sagt mir, sagt, was sagt ihr?
Denn ihr sagt was gar zu Schönes,
Gar des lieblichsten Getönes;
Und in gleichem Sinne fragt ihr.

Doch ich glaub' euch zu erfassen:
Hinter dieser Augen Klarheit
Ruht ein Herz in Lieb' und Wahrheit
Jetzt sich selber überlassen,

Dem es wohl behagen müßte,
Unter so viel stumpfen, blinden,
Endlich einen Blick zu finden,
Der es auch zu schätzen wüßte.

Und indem ich diese Chiffern
Mich versenke zu studiren,
Laßt euch ebenfalls verführen,
Meine Blicke zu entziffern!

27.3.12

"Gleich ist der Sommer da"

J. W. von Goethe - März

Es ist ein Schnee gefallen,
Denn es ist noch nicht Zeit,
Daß von den Blümlein allen,
Daß von den Blümlein allen
Wir werden hoch erfreut.

Der Sonnenblick betrüget
Mit mildem, falschem Schein,
Die Schwalbe selber lüget,
Die Schwalbe selber lüget,
Warum? Sie kommt allein.

Sollt ich mich einzeln freuen,
Wenn auch der Frühling nah?
Doch kommen wir zu zweien,
Doch kommen wir zu zweien,
Gleich ist der Sommer da.

25.3.12

Friedrich Schiller - An den Frühling

Ein wunderschönes Gedicht von Friedrich Schiller zum Beginn der schönsten Jahreszeit:

Friedrich Schiller - An den Frühling

Willkommen, schöner Jüngling!
Du Wonne der Natur!
Mit deinem Blumenkörbchen
Willkommen auf der Flur!

Ei! ei! da bist ja wieder!
Und bist so lieb und schön!
Und freun wir uns so herzlich,
Entgegen dir zu gehn.

Denkst auch noch an mein Mädchen?
Ei, Lieber, denke doch!
Dort liebte mich das Mädchen,
Und 's Mädchen liebt mich noch!

Fürs Mädchen manches Blümchen
Erbat ich mir von dir –
Ich komm' und bitte wieder,
Und du? – du gibst es mir?

Willkommen, schöner Jüngling!
Du Wonne der Natur!
Mit deinem Blumenkörbchen
Willkommen auf der Flur!

22.3.12

Worte sind der Seele Bild

Eines meiner Lieblingsgedichte:

J. W. von Goethe - Worte sind der Seele Bild

Worte sind der Seele Bild –
Nicht ein Bild! sie sind ein Schatten!
Sagen herbe, deuten mild,
Was wir haben, was wir hatten. –
Was wir hatten, wo ists hin?
Und was ists denn, was wir haben? –
Nun, wir sprechen! Rasch im Fliehn
Haschen wir des Lebens Gaben.

24.2.12

Joseph von Eichendorff - Mondnacht. Zum Verständnis der Romantik

Joseph von Eichendorff – Mondnacht

Es war, als hätt' der Himmel
Die Erde still geküsst
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst

Die Luft ging durch die Felder
Die Ähren wogten sacht
Es rauschten leis die Wälder
So sternklar war die Nacht

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus
Flog durch die stillen Lande
Als flöge sie nach Haus


Im Gedicht äußert sich die Entgrenzung. Man könnte sich fragen, wie die Romantiker die Entgrenzung zum Ausdruck brachten. Man kann unterscheiden:

Personale Entgrenzung: Flucht aus der Tageswelt in die Nacht

Räumliche Entgrenzung: Flucht in die andere Dimension (Wanderlust, Fernweh)

Zeitliche Entgrenzung: Flucht in die Welt der Kindheit

Im Gedicht spielt die Natur eine leitende Rolle. Die Romantiker hat es schon immer in die Natur hinausgetrieben. Sie wurde zum bestimmenden Motiv: es handelt sich nicht nur um die Menschennatur, sondern auch um die den Menschen umgebende Natur. Das „Systemprogramm“ der Epoche postuliert eine Einheit von Ich und Natur.

In der ersten Strophe geht es ums Träumen, um die Natur, um die Verbindung zwischen Himmel und Erde. In poetischer Verschleierung kommt die zeitliche und die räumliche Entgrenzung zum Ausdruck. Normalerweise erwartet man nicht, dass Himmel und Erde auseinanderfallen. Durch die Form des Konjunktivs II, „hätte“, mischt sich die Scheinhaftigkeit in den Text hinein.

In der zweiten Strophe wird die Nacht beschrieben. Es ist eines der wichtigsten Motive der Romantik. Edward Youngs (1683-1765) „Night thoughts“ (1741/43) beeinflussen die Ideenwelt der ganzen Epoche, die dann oft als eine melancholische Mondscheinromantik bezeichnet wurde.

Die romantische Affinität zur Intensivität der Gefühle ist in der dritten Strophe deutlich ablesbar. Im Gedicht dominieren Freiheit, Melancholie, ein gewisses Gefühl der Trauer, Sehnsucht. Im Leser kommt die Stimmung der Harmonie, der Feierlichkeit auf. Der Akzent liegt auf einem gewissen Gefühl der Freiheit.

28.1.12

Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) – Terzinen über Vergänglichkeit

Terzinen über Vergänglichkeit:

Noch spür ich ihren Atem auf den Wangen:
Wie kann das sein, daß diese nahen Tage
Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen?

Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt,
Und viel zu grauenvoll, als daß man klage:
Daß alles gleitet und vorüberrinnt.

Und daß mein eignes Ich, durch nichts gehemmt,
Herüberglitt aus einem kleinen Kind
Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd.

Dann: daß ich auch vor hundert Jahren war
Und meine Ahnen, die im Totenhemd,
Mit mir verwandt sind wie mein eignes Haar,

So eins mit mir als wie mein eignes Haar
.

Stimmungen, die im Gedicht herrschen: Melancholie, Nostalgie, Empfindung der Lebensmüdigkeit, Fin de siècle, Endzeitbewusstsein, Unbehagen an der Wirklichkeit, Gefühl des Verfalls, der Gedanke, dass man im geschichtlichen Zusammenhang steht.
Das lyrische Ich kann noch die Tage spüren, die vergangen sind. Es drückt seine Verwunderung aus, dass die Zeit so schnell vergeht. Das Gefüllt der Vergänglichkeit überfällt es und es ist ein grauenvoller Gedanke. Es erinnert sich an die Kindheit, aber kann keine Verbindung zwischen Ich in der Kindheit und Ich von heute (etwas Fremdes) finden. Das lyrische Ich ist sich dessen bewusst, dass es im geschichtlichen Zusammenhang steht, dass es ein Teil der Geschichte, ein Glied in der Kette, ein Glied der sich wechselnden Generationen ist. Es gab Menschen vor ihm (die Ahnen), es wird auch Menschen nach ihm geben. Diese Verbindung ist sehr nah.
Im Gedicht erscheinen symbolische Elemente. Hofmannsthal stand unter dem Einfluss französischer Symbolisten. Der Tod ist keine schreckliche Tatsache. Man muss ihn akzeptieren, weil er ein Teil der Natur ist, weil er zum natürlichen Zyklus gehört.

23.10.11

Heinrich Heines Lyrik

Heinrich Heine (1797-1856) war einer der bedeutendsten deutschen Dichter. Er gilt als letzter Dichter der Romantik, aber auch als deren Überwinder. Seine Werke werden zeitlich zur Spätromantik gerechnet. Sie halten jedoch einen deutlichen Abstand zur Romantik ein. Heine war auch Essayist, Satiriker, Politiker und Journalist. Er engagierte sich politisch. Wegen seiner kritischen politischen Einstellung war er gefürchtet und geriet in die Rolle des Außenseiters. Auch wegen seiner jüdischen Herkunft hatte er Feinde.


(Heinrich Heine, 1831 - Moritz Daniel Oppenheim)

Seine größten Verdienste für die deutsche Literatur sind meiner Meinung nach folgende:

1. Heine führte eine neue Schreibweise in die deutsche Literatur ein. Er stilisierte und sublimierte seine Liebeserfahrungen und sein Leiden. Diese Themen gestaltete er in verschiedenen Variationen und verlieh ihnen eine neue Dimension, d.h. er spottete und dann klagte er über sich selbst. Die eigenen Illusionen und den eigenen Schmerz zeigte er abwechselnd sentimental und ironisch. Bei Heine gibt es also keine karge Schwarz-Weiß-Szenerie. Diese Schreibweise war früher nicht bekannt und viele Leser reagierten verständnislos. Sein Werk war vielen Vorwürfen ausgesetzt.

2. „Buch der Lieder“ (1827) ist eines der bekanntesten Werke von Heine. In ihm hat Heine diese neue Schreibweise präsentiert. Es enthält 237 Gedichte. Das "Buch der Lieder" besteht aus folgenden Zyklen:

Junge Leiden (Traumbilder, Lieder, Romanzen und Sonette)
Lyrisches Intermezzo
Die Heimkehr
Aus der Harzreise
Die Nordsee (Erster Cyklus und Zweiter Cyklus)

3. Der Dichter hat viel vom Volkslied übernommen, vor allem seine Melodik und die Gefühlsintensität. Aus diesem Grunde wurden seine Werke überaus häufig vertont. Seiner Meinung nach gab es zwischen den einzelnen Kunstformen keine scharfen Grenzen. In seiner Lyrik zeigt sich sein Interesse für die Musik. Er selbst spielte kein Musikinstrument und auch in theoretischen musikalischen Fragen war er ein Laie. Viele seiner Werke wurden von Komponisten verarbeitet. Das erste Gedicht, das vertont wurde, war „Gekommen ist der Maie“. Es wurde von Carl Friedrich Curschmann zu einem Lied verarbeitet. Seine Gedichte wurden auch zu Grundlagen von musikalischen Kompositionen.

4. „Deutschland. Ein Wintermärchen“ (1844) – eines meiner Lieblingswerke. Es ist ein satirisches Versepos, in dem der Dichter seine Reise vom Winter 1843 beschreibt. Das Werk besteht aus 27 „Kapiteln“. Im Werk erscheinen solche Orte wie französisch-deutsche Grenze, Aachen, Köln, Westfalen, Minden, Hannover, Hamburg.

Mit reinem Gewissen kann ich sagen, dass ich Heines Lyrik liebe. Mir gefällt, dass sehr unterschiedliche Motive in ihr anklingen, die auf verschiedene Weisen stilisiert werden. Heines Interesse galt sowohl seinen persönlichen Erlebnissen, als auch der deutschen Geschichte. Auch den politischen Umständen seiner Zeit wollte er nicht ausweichen. Er hat die wahren Sachverhalte nicht unterdrückt.

Das Gedicht „Loreley“ (1823) ist eines der bekanntesten Gedichte von Heine. Wegen seiner Melodie und einer großen Gefühlsintensität wurde es vertont. Wenn ich meine deutschen Bekannten besuche, singen wir manchmal. Ich habe bemerkt, dass fast alle „Loreley“ singen können.

Ich weiss nicht, was soll es bedeuten,
Daß ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl, und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar,
Ihr goldenes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr goldenes Haar.

Sie kämmt es mit goldenem Kamme
Und singt ein Lied dabey;
Das hat eine wundersame,
Gewaltige Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schat nur hinauf in die Höh'.

Ich glaube, die Welllen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Lore-Ley getan
.