Die Geschichte Der Stiftzahn oder Warum mein Vetter keine Rahmbonbon mehr iβt gestaltet Borchert mithilfe von Situationskomik. Sein dichterisches Profil wurde auch durch die Erkenntnis geformt, dass die Literatur eine Art Spiel sein kann, die er vor allem dann literarisch umsetzte, wenn seine Kindheitserinnerungen im Mittelpunkt standen. In der Kurzgeschichte porträtiert Borchert seinen Cousin Karlheinz. Er beschreibt einen gemeinsamen Ausflug ins „Vorstadtkino“, in dem Rahmbonbons für Kinder verkauft wurden. Für dreiβig Pfennig, die sein Cousin dabei hatte, kaufte er „eine Unmasse Rahmbonbon“ (Borchert 1947: 354). Die Bonbons gehörten für die Kinder zum Sonntag, sie gehörten zum Kino: „Es roch nach Kindern, Aufregung, Bonbon“ (Borchert 1947: 354). Die beiden Jungs waren somit die glücklichsten Kinder im Kino. Weiter beschreibt Borchert mit Humor, wie seinem Cousin ein Zahn, ein Stiftzahn, ausgefallen ist. Das Suchen nach dem Zahn war vergeblich. Der Verfasser schildert so die Stimmung der beiden: „mit verfinsterten Gemütern und dunklen Vorahnungen, mein zahnloser Vetter und ich“ (Borchert 1947: 357). Er scheint besorgt zu sein, aber in Wirklichkeit kann er sich des Lachens kaum enthalten. Schlieβlich wurde der Zahn gefunden. Borchert erinnert sich an diesen lustigen Nachmittag, an dem er mit seinem Cousin die Zeit verbrachte und lachte: „Und dann konnten wir endlich lachen. Bis uns die Tränen in den sauberen Sonntagskragen liefen“ (Borchert 1947: 358).
In der Kurzgeschichte Die Kirschen verarbeitet Borchert das Verhältnis zu seinem Vater. Er gibt zu, dass er auf seine Stimme manchmal nicht gehört hat, dass sein Benehmen oft nicht in Ordnung gewesen ist. Dieses Wissen bedrückt sein Gewissen, er ist mit Schuld beladen. Er will seine Irrtümer, seine Fehler ausräumen. Soweit er zurückdenken konnte, hatte er sich mit seinem Vater nie richtig verstanden. Jetzt ist er sich dessen bewusst und will mit sich selbst ins Reine kommen. Deswegen klingt in der Geschichte das Motiv der Schuld an, die er früher unterdrückte. In der dargestellten Situation macht er sein Schuldgefühl anschaubar. Dort, wo bei Borchert die Gestalten des Vaters erscheinen, ist die Stimmung der Melancholie deutlich ablesbar. Die Vater-Figuren sind meistens hilflos, rührend, unfähig zum Handeln. So ist es auch in der Geschichte Die Kirschen. Es ist eine Vater-Sohn-Komplikation. Der kranke, fiebernde Junge glaubt, dass sein Vater die Kirschen aβ, die vermutlich seine Mutter für ihn kalt gestellt hatte. Er ist misstrauisch, nimmt die Erklärungen des Vaters nicht wahr, dem vermeintlich Kirschsaft über die Hand läuft. Der Vater ist ausgerutscht und kommt nicht wieder hoch. Er erklärt dem Sohn, dass es kein Kirschsaft ist, sondern Blut, da er sich an einer Tasse geschnitten hat. Schlieβlich sieht der Sohn seine Schuld ein und macht sich selbst Vorwürfe. Er zieht die Decke über den Kopf und sieht nicht auf, als sein Vater ihm Kirschen in sein Zimmer bringt. Er muss im Stillen über sein Verhalten nachdenken.
In der Geschichte schlägt sich Wolfgang Borcherts Verhältnis zu seinem Vater nieder. Peter Rühmkorf beschreibt in seiner Biografie Borcherts Vater folgendermaβen:
(...) „ein zurückhaltender Mann, leise, duldsam, ein wenig verschlossen und von hoher Sensabilität“ (Rühmkorf 1961: 7).
Borchert hatte eine kühle Beziehung zu seinem Vater, oft hörte er auf ihn nicht, manchmal missachtete er seine Meinung. Später, als er schwer krank ist, beobachtet er die Bemühungen seines Vaters, der nach der Arbeit seine Geschichten auf der Maschine abschreibt, und sieht ihn als einen gutmütigen, liebevollen Menschen. Er weiβ ihn zu schätzen. In der unmittelbaren Nachkriegszeit waren die Lebensumstände allgemein schwierig. Fritz Borchert musste seine goldene Uhr verkaufen, aus der Schule brachte er jeden Tag eine Portion Suppe mit. Er war ein ruhiger, strenger Vater, der seinen Sohn vor allem mit Toleranz erziehen wollte. Fritz Borchert war auch Begutachter der literarischen Versuche seines Sohnes:
„Eher rezeptiv und verbessernd als aktiv anregend, eher im Detail kleinlich als aufs Groβe bestimmend und lenkend, begutachtete er die ausschweifende Gedichtproduktion des Sechzehn-, Siebzehn-, Achtzehnjährigen, ohne übermäβiges Gefallen daran zu äuβern, allerdings auch ohne den Sohn durch ein Zuviel an Vorschlägen zu verstören“ (Rühmkorf 1961: 7-8).
Die Geschichte Die Professoren wissen auch nix reicht über Borcherts Kindheitserinnerungen hinaus. Er kränkelte seit dem Kriege. Er beschreibt die Tage seiner Krankheit, als er der besonderen Hilfe bedurfte und als seine Eltern sich um den bettlägerigen, hilflosen Schriftsteller liebevoll und mitfühlend gekümmert haben, damit er wieder zu Kräften kommt. Die letzten beiden Jahre vor seinem Tod am 20. November 1947 war er zur Bewegungslosigkeit verurteilt. Er zeigt die Geduld und die Mühe seiner Eltern, die Krankheit ihres Sohnes zu besiegen. Der lebenshungrige Schriftsteller rafft sich auf, um aus seinem schwebenden Zustand herauszukommen. Vergeblich, weil es keine Wunderwaffe gegen die Krankheit gibt. Er hatte keine Möglichkeit, das Leben in vollen Zügen zu genieβen. Das Schreiben war für ihn die einzige mögliche Aktivität. Sein Eifer beim Schreiben war enorm. Borchert betrachtete es als eine Übergangslösung, er wollte bis zum Gesundwerden überhaupt etwas tun. Er stand schlieβlich im Zenit seines Lebens und dachte nichts ans Ende. Er gab sich alle erdenkliche Mühe, aktiv zu sein. Von den Zuständen mangelnder Motivation zum Schreiben war bei ihm nichts zu spüren. Bei dem Gedanken, nichts zu tun, packte ihn Widerwille. Obwohl das Leben ihn in diese schwierige Lage verwickelte, wollte er sich seinem hoffnungslosen Zustand nicht einfügen.
Die Geschichte Die Professoren wissen auch nix zeigt, wie unmittelbar eigene Erlebnisse auf seine Dichtungen eingewirkt haben und wie er das individuell Biographische in dichterisches Geschehen verwandelte und künstlerisch gestaltete. Wie schon erwähnt, nahm Borchert seinen Vater erst in Zeiten der Krankheit wahr: „Und vor einer Tür stand immer kleiner werdend ein Mann, grau und mager, und sagte: Ist gut mein Junge. Später wuβte er: Das war mein Vater“ (Borchert 1947: 78). Früher hat er ihn sonderlich nicht beachtet. Der Vater war kein Widerstand für ihn, mit ihm musste der Sohn sich nicht auseinandersetzen, er scheint unauffällig gewesen zu sein:
„Damals hatte man seinen Vater. Wenn es dunkel wurde. Wenn man ihn schon nicht mehr sah in der violetten Dämmerung. Man hörte ihn doch. Wenn er hustete. Und wenn er durch die Wohnung ging und dabei hustete. Und man roch seinen Tabak. Und das genügte schon“ (Borchert 1947: 259)
Dieser Text stammt aus der Kurzgeschichte Er hatte auch viel Ärger mit den Kriegen. Die Gestalt des Vaters wird auch in anderen Geschichten erwähnt, so z.B. in Vorbei vorbei. Hier richtet der Vater mehrmals folgende Worte an seinen Sohn: „Ist gut, mein Junge“. Vielleicht sind es auch Worte, die Fritz Borchert seinem Sohn wiederholt hat, als dieser krank im Bett lag. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass der Vater, den der Sohn erst in dieser Zeit richtig wahrnahm, ihn mit diesen Worten tröstete. So lieβ er einen Hoffnungsschimmer durchscheinen.
Auch in der Kurzgeschichte Die lange lange Straβe lang wird die Gestalt des Vaters erwähnt. Es ist eine Kriegsgeschichte. Timm – Alter Ego der Hauptperson – berichtet über einen älteren Mann, den er in Russland während des Krieges getroffen hat: „Aber er hat ein Gesicht gehabt wie sein Vater. Genau wie sein Vater“ (Borchert 1947: 293). Wolfgang Borchert hat selbst den Krieg an der Ostfront in Russland erlebt und Erinnerungen aus dieser Zeit sind in viele von seinen Werken eingegangen. Die Kurzgeschichte Das Holz für morgen handelt von einem 11-jährigen Jungen, der über den Selbstmord nachdenkt, um diese Absicht immer wieder zu vergessen. Er fühlt sich von seinen Eltern nicht verstanden: „Er wurde nicht von denen verstanden, die er liebte. Und gerade das hielt er nicht aus, dieses Aneinandervorbeisein mit denen, die er liebte“ (Borchert 1947: 344). Manche Gedanken des Jungen kann man mit denen Borcherts identifizieren, wenn man an seine anfangs distanzierte Beziehung zum Vater denkt. Darüber hinaus wird in der Geschichte der Spielkamerad des Jungen erwähnt – Karlheinz.
Borcherts Vater schrieb die Geschichten und die Gedichte seines Sohnes auf der Maschine ab. Abends, nach der Schule. In der humorigen Geschichte Die Professoren wissen auch nix beschreibt Borchert die Tage seiner Krankheit und die Besorgnis seiner Eltern um ihn. Er war auf ihre Hilfe angewiesen. Er schreibt über die eigene Ungeduld: „Aber ich gebe mir Mühe, geduldig zu sein wie ein Kirchenheiliger, dem man die Fingernägel absengelt und der mit seiner Engelsgeduld Gott einen Gefallen tun wird“ (Borchert 1947: 401-402). Gleich am Anfang der Geschichte finden sich humorvolle Reflexionen über seinen Zustand: „Ich bin ein Omelett. Vielleicht nicht so appetitlich und knusperig, aber ich liege mindestens ebenso gelb und flach in der schwarzen Stimmung meines Krankseins wie das Omelett in der Schwärze seiner Bratpfanne“ (Borchert 1947: 401). Er beobachtet die Welt drauβen und den Vater, der seine Geschichten abschreibt und behauptet, er tue es aus Angst, dass sein schwer kranker Sohn es selbst tun würde. Zugleich weiβ er doch, dass der Vater dies aus Liebe zu seinem Sohn tut: wenn dieser nachts Geschichten schreibt, werden sie schon morgens auf der Maschine abgeschrieben: (...) „aber er behauptet, es wäre für ihn eine Erholung“ (Borchert 1947: 402). Er setzt sich mit seinem Vater auseinander, streitet mit ihm, diskutiert mit ihm über seine Geschichten. Erst jetzt weiβ er die Persönlichkeit und das Wissen seines Vaters zu schätzen. Die Mutter steht in dieser Zeit in der Küche. Die Küche wird realistisch als „kalt“ und „ungemütlich“ beschrieben. Als der Vater sich in die Küche begibt, weiβ der Erzähler, dass er mit seiner Mutter über eine seiner Geschichten diskutieren wird: „So ist das jetzt in unserer Küche“ (Borchert 1947: 404). Borcherts Mutter war froh, dass er sich eine praktische Aktivität gefunden hat. Sie hat damals seine Geschichten nicht gelesen, vielleicht aus Angst, dass die Beschäftigung mit der Vergangenheit für sie zu aufregend wäre oder aus Angst davor, dass ihr Sohn die Kritik oder die Enttäuschung nicht ertragen würde. Denn Hertha Borchert beschäftigte sich selbst mit Literatur – sie war eine bekannte Heimatschriftstellerin.
Die Gestalt des Vaters erscheint in Borcherts Geschichten oft am Rande auf. Oft scheint sie nur ein Schatten zu sein, oft ist sie leicht zu übersehen, so wie in der Geschichte Die Hundeblume, die aus der unmittelbaren Selbsterfahrung entstand und in der der Vater nur kursorisch erwähnt wird. Es ist Borcherts bekannteste Gefängnisgeschichte und sein Selbstporträt: „Sie dürfen nicht vergessen, daβ es diesen Hundeblumen-Mann gibt, daβ er 21 Jahre alt war und 100 Tage in einer Einzelzelle saβ mit dem Antrag der Anklagevertretung auf Tod durch Erschieβen! 100 Tage. 21 Jahre. Er hat wirklich eine Hundeblume geklaut und durfte zur Strafe eine Woche nicht mit im Kreise gehen!“ (zit. bei Rühmkorf 1961: 67). Als es dem Erzähler gelingt, die begehrte Blume auszureiβen, die für alles steht, was es hinter den Gefängnismauern gibt, wird ihm bewusst, dass die Blume die ganze Natur symbolisiert, die früher für ihn auf diese Art und Weise nicht in Betracht gekommen ist. So erinnert ihm die Blume an seinen Vater: „Er empfand ihre keusche Kühle wie die Stimme seines Vaters, den er nie sonderlich beachtet hatte“ (Borchert 1947: 43).
VERWENDETE LITERATUR:
Primärliteratur:
BORCHERT, Wolfgang (1947): Das Holz für morgen. In: Das Gesamtwerk, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag 2009.
BORCHERT, Wolfgang (1947): Der Stiftzahn oder Warum mein Vetter keine Rahmbonbon mehr iβt. In: Das Gesamtwerk, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag 2009.
BORCHERT, Wolfgang (1947): Die Hundeblume. In: Das Gesamtwerk, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag 2009.
BORCHERT, Wolfgang (1947): Die Kirschen. In: Das Gesamtwerk, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag 2009.
BORCHERT, Wolfgang (1947): Die lange lange Straβe lang. In: Das Gesamtwerk, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag 2009.
BORCHERT, Wolfgang (1947): Die Professoren wissen auch nix. In: Das Gesamtwerk, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag 2009.
BORCHERT, Wolfgang (1947): Er hatte auch viel Ärger mit den Kriegen. In: Das Gesamtwerk, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag 2009.
BORCHERT, Wolfgang (1947): Vorbei vorbei. In: Das Gesamtwerk, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag 2009.
Sekundärliteratur:
GUMTAU, Helmut (1969): Wolfgang Borchert. Colloquium Verlag: Berlin.
KASZYŃSKI, Stefan H. (1970): Typologie und Deutung der Kurzgeschichten von Wolfgang Borchert. Uniwersytet im. Adama Mickiewicza: Poznań.
RÜHMKORF, Peter (1961): Wolfgang Borchert mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt Taschenbuch Verlag: Reinbek bei Hamburg.
SCHRÖDER, Claus B. (1988): Drauβen vor der Tür. Eine Wolfgang-Borchert-Biographie. Henschelverlag Kunst und Gesellschaft: Berlin.
SCHULMEISTER, Rolf (1976): Wolfgang Borchert. In: Weber, Dietrich: Deutsche Literatur der Gegenwart in Einzeldarstellungen. Band I. 3., überarbeitete Auflage. Alfred Kröner Verlag: Stuttgart.
Eine Internetseite für alle, die an der Germanistik und an der deutschen Sprache interessiert sind.
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8.12.11
7.12.11
„Jetzt, jetzt weiβ ich, daβ es das Paradies war“. Literarische Verwirklichung der Welt der Kindheit in Borcherts Kurzgeschichten. Teil 1
Was Wolfgang Borcherts Feder in vielen Kurzgeschichten zu Papier brachte, waren Erinnerungen aus seiner Kindheit. Viele Erinnerungen sind als Stoff in sein Werk eingegangen. In diesen Kurzgeschichten brachte er seine Sehnsucht nach der ungetrübten Zeit der Kindheit zum Ausdruck. Die unmittelbare Nachkriegszeit (in der er sein Werk verfasste) stand im krassen Widerspruch zur Welt der Kindheit. In reizenden Erzählungen erscheinen Borcherts Familienmitglieder: der Vater (Die Kirschen, Die Professoren wissen auch nix), die Mutter (Schischyphusch, Die Küchenuhr, Die Professoren wissen auch nix), der Onkel (Schischyphusch), der Vetter Karlheinz Corswandt (Der Stiftzahn). Diese Geschichten beinhalten heitere Klänge, zugleich die Tiefe der Reflexion. So sind in ihnen beträchtliche Unterschiede zu Kriegsgeschichten bemerkbar. Sie verraten eine unverkennbare Tendenz zu wehmütigen Kindheitserinnerungen, zum ungetrübten Humor. Borchert verwirklicht literarisch die Welt seiner Kindheit, verschlüsselt eigene Kindheitserinnerungen in sein Werk. Die glückliche Zeit der Kindheit bildet für ihn den thematischen Orientierungspunkt. Den schmerzhaften zeitgeschichtlichen Hintergrund klammert er aus, um das wahrhaftige Paradies der Kindheit zu gestalten, um sich in den hohen Himmel der Illusion zurückzuziehen.
Wolfgang Borchert wurde als einziger Sohn des Volksschullehrers Fritz und der Schriftstellerin Hertha Borchert geboren. Er ist in gesicherten bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen. Borchert übernahm die Glaubenslosigkeit seines Vaters. Er war ein mittelmäβiger Schüler, verlieβ die Schule ohne Abiturabschluss. Seine Eltern haben ihn dazu überzeugt, sich als Buchhändler ausbilden zu lassen. In der Kurzgeschichte Die Küchenuhr befindet sich ein Hinweis darauf, was Kindheit für den Schriftsteller bedeutete: „Jetzt, jetzt weiβ ich, daβ es das Paradies war. Das richtige Paradies“ (Borchert 1947: 239). Die Kindheit und die Jugend sind das Paradies, an das sich der gefangene und später todkranke Schriftsteller erinnert. Er greift die Kindheitsressourcen auf, um sich in Zeiten der schweren Krankheit in eine andere Welt zurückzuziehen.
Als der junge Schriftsteller bettlägerig war, erinnerte er sich mit Wehmut an die Zeit seiner Kindheit und zog sich in einigen von seinen Geschichten ins „innere Reich“ zurück: „Meine Seele entflieht in die Reiche meiner Phantasie – und da ist Liebe, Gröβe, Kunst und Schönheit. Angst habe ich nur vor der müden Melancholie und der hamletischen Resignation, die mich ja doch befallen wird“. Man hat den Eindruck, als ob er eine innere Harmonie in der geborgenen Welt der Illusion gefunden hätte. Er sehnt sich nach einer harmonischen Welt. Angesichts der Realität erscheint alles sentimental und irreal.
Schischyphusch oder Der Kellner meines Onkels ist die bekannteste Kindheitserzählung Borcherts. Der Erzähler geht mit seiner Mutter und mit seinem Onkel am Sonntag ins Restaurant. Aus einem Missverständnis zwischen zwei Männern, zwischen dem Onkel und einem Kellner, die denselben Zungenfehler haben, erwächst ein Konflikt. Jeder ist davon überzeugt, dass der andere ihn nachäffen und blamieren will, was aber nicht der Fall ist. Nach einer Auseinandersetzung kommt es schlieβlich zur Versöhnung. Borchert beschreibt beide Männer folgendermaβen:
So standen sie nun und sahen sich an. Beide mit einer zu kurzen Zunge, beide mit demselben Fehler. Aber jeder mit einem völlig anderen Schicksal (Borchert 1947: 409).
Der kleine Kellner und mein groβer Onkel. Verschieden wie win Karrengaul vom Zeppelin. Aber beide kurzzungig. Beide mit demselben Fehler. Beide mit einem feuchten wässerigen weichen sch (Borchert 1947: 410).
Einer von den beiden Männern soll Borcherts Onkel Hans Salchow gewesen sein. Es war ein Bruder seiner Mutter, ein einbeiniger, sprachbehinderter Mensch. Einbeinig ist er aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrt. Trotzdem war er ein lebenslustiger Mensch, der es nach dem Krieg zu einem Vermögen brachte. Dann geriet er in Schulden, die er bald tilgte und heiratete ein Mädchen, das keinen Sinn für Sparsamkeit hatte. Später war er Inhaber einer Kommunistenkneipe „Rote Burg“. Seinen Onkel sah Wolfgang Borchert als eine abenteuerliche Figur an.
In Schischyphusch wird der Onkel als eine gutmütige, rührende, lebenslustige, lachende Gestalt beschrieben:
„Und mein Onkel, dieser Onkel, der sich auf einem Bein, mit zerschossener Zunge und einem bärigen baβstimmigen Humor durch das Leben lachte“ (Borchert 1947: 415).
Der Erzähler hat Mitgefühl sowohl für seinen Onkel, als auch für den Kellner. Er lenkt seinen Blick auf individuelle Züge und Schwächen der beiden Figuren. Die Bilder von Gefühlen und Reaktionen der beiden überlagern sich.
Ein Seitenblick in der Geschichte fällt auf die Mutter aus. Borcherts Verhältnis zu seiner Mutter kann man als eine eindeutig affektive Beziehung beschreiben. Ihre Gestalt erscheint in drei Kurzgeschichten und wird nicht individuell geschildert. Ihr Bild verschwimmt. Der Figur der Mutter hat Borchert vor allem eine wirklichkeitsnahe Dimension verliehen. In Schischyphusch ist die Schilderung ihrer Gestalt realistisch: „Die Hand meiner Mutter war eiskalt. Alles Blut hatte ihren Körper verlassen, um den Kopf zu einem grellen plakatenen Symbol der Schamhaftigkeit und des bürgerlichen Anstandes zu machen. Keine Vierländer Tomate konnte ein röteres Rot ausstrahlen. Meine Mutter leuchtete“ (Borchert 1947: 415). Ihre Gestalt erscheint in der Geschichte Die Professoren wissen auch nix: die Mutter steht hier ebenfalls im Hintergrund, in der Küche. Sie diskutiert mit dem Vater über eine Geschichte ihres Sohnes. Wieder wird auf ihr Aussehen eingegangen: „Meine Mutter hat einen vagabundig rot- und blaubekleckerten Schal um, der von einer bäuerlichen Spange gebändigt wird“ (Borchert 1947: 404).
Realistisch ist auch die Schilderung der Mutter in der Kurzgeschichte Die Küchenuhr: „Dann stand sie da in ihrer Wolljacke und mit einem roten Schal um. Und barfuβ. Immer barfuβ. Und dabei war unsere Küche gekachelt. Und sie machte ihre Augen ganz klein, weil ihr das Licht so hell war. Denn sie hatte ja schon geschlafen. Es war ja Nacht“ (Borchert 1947: 238). Die einfache Sprache, die weitab von Metaphern kreist, ist bestechend. Die Erinnerung an die Mutter ist ins Gedächtnis der Hauptperson fest verstrickt. Um sich in Verzweiflung nicht zu verlieren, um das nagende Gefühl der Trauer zu unterdrücken, denkt der Held mit Wehmut über die Zeit nach, die im krassen Gegensatz zu der Realität steht. Er redet zwar mit Personen, die um ihn herum sitzen, aber es ist deutlich ablesbar, dass der junge Mann sich in seine Eigenwelt aus Erinnerungen einspinnt. Es kann nicht wundernehmen, dass eine Rückwendung auf sich selbst sich auch in dieser Geschichte von Borchert findet. Rückblickend bezeichnet er seine Kindheit als Paradies: „Jetzt, jetzt weiβ ich, daβ es das Paradies war. Das richtige Paradies“ (Borchert 1947: 239). Diese Worte lässt er einen jungen Mann sagen, der im Krieg alles verloren hat. Aus der Ruine seines Elternhauses hat er nur eine Küchenuhr gerettet. Die Uhr blieb um halb drei stehen. Um diese Stunde kam er immer von der Arbeit nach Hause. Seine Mutter stand dann auf und bereitete ihm Essen zu. Die Eltern des jungen Mannes sind bei jenem Luftangriff ums Leben gekommen.
In Die Küchenuhr klingt ein feststehender poetologischer Topos an - das Motiv der Vertreibung aus einem Paradies. An der Diskrepanz zwischen diesem Paradies und dem Krieg konnte Borchert nicht vorbeigehen. Der junge Mann aus der Geschichte hat im Krieg alles verloren, nichts ist übrig geblieben auβer der Küchenuhr und den Erinnerungen. Die Gegenwart empfindet er als quälend und zerstörerisch. Am Ende der Szene schweigen alle, die den auf einer Bank sitzenden Mann umgeben. Der Mann, der neben ihm sitzt, muss „immerzu an das Wort Paradies“ (Borchert 1947: 239) denken.
Primärliteratur:
BORCHERT, Wolfgang (1947): Die Küchenuhr. In: Das Gesamtwerk, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag 2009.
BORCHERT, Wolfgang (1947): Die Professoren wissen auch nix. In: Das Gesamtwerk, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag 2009.
BORCHERT, Wolfgang (1947): Schischyphusch oder Der Kellner meines Onkels. In: Das Gesamtwerk, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag 2009.
Wolfgang Borchert wurde als einziger Sohn des Volksschullehrers Fritz und der Schriftstellerin Hertha Borchert geboren. Er ist in gesicherten bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen. Borchert übernahm die Glaubenslosigkeit seines Vaters. Er war ein mittelmäβiger Schüler, verlieβ die Schule ohne Abiturabschluss. Seine Eltern haben ihn dazu überzeugt, sich als Buchhändler ausbilden zu lassen. In der Kurzgeschichte Die Küchenuhr befindet sich ein Hinweis darauf, was Kindheit für den Schriftsteller bedeutete: „Jetzt, jetzt weiβ ich, daβ es das Paradies war. Das richtige Paradies“ (Borchert 1947: 239). Die Kindheit und die Jugend sind das Paradies, an das sich der gefangene und später todkranke Schriftsteller erinnert. Er greift die Kindheitsressourcen auf, um sich in Zeiten der schweren Krankheit in eine andere Welt zurückzuziehen.
Als der junge Schriftsteller bettlägerig war, erinnerte er sich mit Wehmut an die Zeit seiner Kindheit und zog sich in einigen von seinen Geschichten ins „innere Reich“ zurück: „Meine Seele entflieht in die Reiche meiner Phantasie – und da ist Liebe, Gröβe, Kunst und Schönheit. Angst habe ich nur vor der müden Melancholie und der hamletischen Resignation, die mich ja doch befallen wird“. Man hat den Eindruck, als ob er eine innere Harmonie in der geborgenen Welt der Illusion gefunden hätte. Er sehnt sich nach einer harmonischen Welt. Angesichts der Realität erscheint alles sentimental und irreal.
Schischyphusch oder Der Kellner meines Onkels ist die bekannteste Kindheitserzählung Borcherts. Der Erzähler geht mit seiner Mutter und mit seinem Onkel am Sonntag ins Restaurant. Aus einem Missverständnis zwischen zwei Männern, zwischen dem Onkel und einem Kellner, die denselben Zungenfehler haben, erwächst ein Konflikt. Jeder ist davon überzeugt, dass der andere ihn nachäffen und blamieren will, was aber nicht der Fall ist. Nach einer Auseinandersetzung kommt es schlieβlich zur Versöhnung. Borchert beschreibt beide Männer folgendermaβen:
So standen sie nun und sahen sich an. Beide mit einer zu kurzen Zunge, beide mit demselben Fehler. Aber jeder mit einem völlig anderen Schicksal (Borchert 1947: 409).
Der kleine Kellner und mein groβer Onkel. Verschieden wie win Karrengaul vom Zeppelin. Aber beide kurzzungig. Beide mit demselben Fehler. Beide mit einem feuchten wässerigen weichen sch (Borchert 1947: 410).
Einer von den beiden Männern soll Borcherts Onkel Hans Salchow gewesen sein. Es war ein Bruder seiner Mutter, ein einbeiniger, sprachbehinderter Mensch. Einbeinig ist er aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrt. Trotzdem war er ein lebenslustiger Mensch, der es nach dem Krieg zu einem Vermögen brachte. Dann geriet er in Schulden, die er bald tilgte und heiratete ein Mädchen, das keinen Sinn für Sparsamkeit hatte. Später war er Inhaber einer Kommunistenkneipe „Rote Burg“. Seinen Onkel sah Wolfgang Borchert als eine abenteuerliche Figur an.
In Schischyphusch wird der Onkel als eine gutmütige, rührende, lebenslustige, lachende Gestalt beschrieben:
„Und mein Onkel, dieser Onkel, der sich auf einem Bein, mit zerschossener Zunge und einem bärigen baβstimmigen Humor durch das Leben lachte“ (Borchert 1947: 415).
Der Erzähler hat Mitgefühl sowohl für seinen Onkel, als auch für den Kellner. Er lenkt seinen Blick auf individuelle Züge und Schwächen der beiden Figuren. Die Bilder von Gefühlen und Reaktionen der beiden überlagern sich.
Ein Seitenblick in der Geschichte fällt auf die Mutter aus. Borcherts Verhältnis zu seiner Mutter kann man als eine eindeutig affektive Beziehung beschreiben. Ihre Gestalt erscheint in drei Kurzgeschichten und wird nicht individuell geschildert. Ihr Bild verschwimmt. Der Figur der Mutter hat Borchert vor allem eine wirklichkeitsnahe Dimension verliehen. In Schischyphusch ist die Schilderung ihrer Gestalt realistisch: „Die Hand meiner Mutter war eiskalt. Alles Blut hatte ihren Körper verlassen, um den Kopf zu einem grellen plakatenen Symbol der Schamhaftigkeit und des bürgerlichen Anstandes zu machen. Keine Vierländer Tomate konnte ein röteres Rot ausstrahlen. Meine Mutter leuchtete“ (Borchert 1947: 415). Ihre Gestalt erscheint in der Geschichte Die Professoren wissen auch nix: die Mutter steht hier ebenfalls im Hintergrund, in der Küche. Sie diskutiert mit dem Vater über eine Geschichte ihres Sohnes. Wieder wird auf ihr Aussehen eingegangen: „Meine Mutter hat einen vagabundig rot- und blaubekleckerten Schal um, der von einer bäuerlichen Spange gebändigt wird“ (Borchert 1947: 404).
Realistisch ist auch die Schilderung der Mutter in der Kurzgeschichte Die Küchenuhr: „Dann stand sie da in ihrer Wolljacke und mit einem roten Schal um. Und barfuβ. Immer barfuβ. Und dabei war unsere Küche gekachelt. Und sie machte ihre Augen ganz klein, weil ihr das Licht so hell war. Denn sie hatte ja schon geschlafen. Es war ja Nacht“ (Borchert 1947: 238). Die einfache Sprache, die weitab von Metaphern kreist, ist bestechend. Die Erinnerung an die Mutter ist ins Gedächtnis der Hauptperson fest verstrickt. Um sich in Verzweiflung nicht zu verlieren, um das nagende Gefühl der Trauer zu unterdrücken, denkt der Held mit Wehmut über die Zeit nach, die im krassen Gegensatz zu der Realität steht. Er redet zwar mit Personen, die um ihn herum sitzen, aber es ist deutlich ablesbar, dass der junge Mann sich in seine Eigenwelt aus Erinnerungen einspinnt. Es kann nicht wundernehmen, dass eine Rückwendung auf sich selbst sich auch in dieser Geschichte von Borchert findet. Rückblickend bezeichnet er seine Kindheit als Paradies: „Jetzt, jetzt weiβ ich, daβ es das Paradies war. Das richtige Paradies“ (Borchert 1947: 239). Diese Worte lässt er einen jungen Mann sagen, der im Krieg alles verloren hat. Aus der Ruine seines Elternhauses hat er nur eine Küchenuhr gerettet. Die Uhr blieb um halb drei stehen. Um diese Stunde kam er immer von der Arbeit nach Hause. Seine Mutter stand dann auf und bereitete ihm Essen zu. Die Eltern des jungen Mannes sind bei jenem Luftangriff ums Leben gekommen.
In Die Küchenuhr klingt ein feststehender poetologischer Topos an - das Motiv der Vertreibung aus einem Paradies. An der Diskrepanz zwischen diesem Paradies und dem Krieg konnte Borchert nicht vorbeigehen. Der junge Mann aus der Geschichte hat im Krieg alles verloren, nichts ist übrig geblieben auβer der Küchenuhr und den Erinnerungen. Die Gegenwart empfindet er als quälend und zerstörerisch. Am Ende der Szene schweigen alle, die den auf einer Bank sitzenden Mann umgeben. Der Mann, der neben ihm sitzt, muss „immerzu an das Wort Paradies“ (Borchert 1947: 239) denken.
Primärliteratur:
BORCHERT, Wolfgang (1947): Die Küchenuhr. In: Das Gesamtwerk, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag 2009.
BORCHERT, Wolfgang (1947): Die Professoren wissen auch nix. In: Das Gesamtwerk, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag 2009.
BORCHERT, Wolfgang (1947): Schischyphusch oder Der Kellner meines Onkels. In: Das Gesamtwerk, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag 2009.
3.9.11
Die lange lange Straβe lang
Borcherts Kriegsheimkehrer aus der Kurzgeschichte Die lange lange Straβe lang
Mein Text:
Der Heimkehrer aus der Geschichte Die lange lange Straβe lang fühlt sich ständig bedroht. Der 25-jährige Mann – Leutnant Fischer – ist als Auβenseiter, als Einzelgänger unterwegs. Er kommt an verschiedenen Gebäuden vorbei, hört die Geräusche des normalen alltäglichen Lebens. Er erlebt Unruhe- und Angstzustände. Borchert zeigt seine elementare Vereinsamung, seine Subjektkrise. Der Heimkehrer hat eine Persönlichkeit vom inneren Widerspruch, die ihn von der Umwelt entfremdet. Er sehnt sich nach seiner Mutter. Die Abwesenheit einer mütterlichen, mitleidigen Figur lässt ihn sich ständig bedroht fühlen: „Und seitdem ist jedes Geräusch ein Tier in der Nacht. Und in den blaudunklen Ecken warten die schwarzen Männer“ (Borchert 1947: 289). Er fühlt nicht wirklich, dass er ein lebendiger Mensch ist – er ist genauso lebensmüde wie ein alter Mensch. Zugleich ist er lebenshungrig, sein Hunger ist unersättlich.
Durch den Anblick des zerstörten Landes werden Erinnerungen wachgerufen. Der Mann berichtet vom unerwarteten Tod 57 Menschen. Er stellt verzweifelte Fragen. Niemand kann jedoch die Frage „Warum“ beantworten: entweder die Vertreter der staatlichen noch die Vertreter der kirchlichen Macht. Er ist sich dessen bewusst, dass 57 Tote beweint werden. Er führt vor Augen das Leiden der Hintergebliebenen. Er scheint es zu bereuen, dass auch er nicht tot ist. Er leidet unter Hunger – seine Lebenskräfte sind erschöpft. Immer wieder fällt er auf die Straβe.
In seinem Bewusstsein erscheint die Vorstellung von einer Vergegenständlichung des Bösen – es ist eine Puppe des „Brillenmannes im weiβen Kittel“. Die Puppe löst die Angst aus. Der Heimkehrer versucht, das Schreckliche zu überwinden, das Bedrohliche zu verdrängen. Leutnant Fischer vernichtet die Puppe, um sich von dem Bösen symbolisch zu befreien und seinem Problem auszuweichen. Sein Verhalten erinnert an das Verhalten eines Kindes, das sich gegen das Böse wehrt. Diese Reaktion war jedoch nur in der Kindheit wirksam – jetzt ist es keine richtige Befreiung. Die wahren Sachverhalte kann der Heimkehrer nicht unterdrücken. Der junge Leutnant kann nur versuchen, seine Ängste zu objektivieren, indem er die Puppe mit dem Bösen identifiziert.
So wie in vielen anderen Kurzgeschichten bedient sich Borchert der Technik des inneren Monologs – auf diese Art und Weise zeigt er die Auswirkungen des Krieges auf die Psyche des jungen Mannes. So wird der seelische Zustand des Heimkehrers geschildert. Leutnant Fischer trifft sein Alter Ego – Timm, der ihm die Schuld an der Misshandlung eines älteren Mannes zuschiebt: „Timm sagt, ich hätte den Alten nicht vom Wagen schubsen sollen. Ich hab den Alten nicht vom Wagen geschubst. Du hättest es nicht tun sollen, sagt Timm. Ich habe es nicht getan“ (Borchert 1947: 292). Bei diesem „alten Mann“ handelt es sich um eine Figur des Vaters. Die Erscheinung Timms als eine Vision lässt Fischer sich schuldig fühlen. Es gelingt ihm jedoch, einen wirklich Schuldigen auβer sich zu finden. Er weiβ, dass Timm mit Schuld beladen ist: „Aber ich kenne Timm, der nicht schlafen kann, weil er den alten Mann getreten hat“ (Borchert 1947: 306). Timm gelingt es nicht, seine Schuld dem jungen Mann zu schieben.
Die Gestalt des Heimkehrers ist in Borcherts Werken ein Spielball des Schicksals, ein Jedermann der Kriegsgeneration, ein illusionsloser Individualist, ein junger Mensch, der das Schicksal seiner Altersgenossen beispielhaft vorlebt, ein Repräsentant einer schrecklichen Zeit. Die Auβenwelt droht ihm ebenso zu entgleiten wie das eigene Selbst.
Primärliteratur:
BORCHERT, Wolfgang (1947): Die lange lange Straβe lang. In: Das Gesamtwerk, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag 2009.
Mein Text:
Der Heimkehrer aus der Geschichte Die lange lange Straβe lang fühlt sich ständig bedroht. Der 25-jährige Mann – Leutnant Fischer – ist als Auβenseiter, als Einzelgänger unterwegs. Er kommt an verschiedenen Gebäuden vorbei, hört die Geräusche des normalen alltäglichen Lebens. Er erlebt Unruhe- und Angstzustände. Borchert zeigt seine elementare Vereinsamung, seine Subjektkrise. Der Heimkehrer hat eine Persönlichkeit vom inneren Widerspruch, die ihn von der Umwelt entfremdet. Er sehnt sich nach seiner Mutter. Die Abwesenheit einer mütterlichen, mitleidigen Figur lässt ihn sich ständig bedroht fühlen: „Und seitdem ist jedes Geräusch ein Tier in der Nacht. Und in den blaudunklen Ecken warten die schwarzen Männer“ (Borchert 1947: 289). Er fühlt nicht wirklich, dass er ein lebendiger Mensch ist – er ist genauso lebensmüde wie ein alter Mensch. Zugleich ist er lebenshungrig, sein Hunger ist unersättlich.
Durch den Anblick des zerstörten Landes werden Erinnerungen wachgerufen. Der Mann berichtet vom unerwarteten Tod 57 Menschen. Er stellt verzweifelte Fragen. Niemand kann jedoch die Frage „Warum“ beantworten: entweder die Vertreter der staatlichen noch die Vertreter der kirchlichen Macht. Er ist sich dessen bewusst, dass 57 Tote beweint werden. Er führt vor Augen das Leiden der Hintergebliebenen. Er scheint es zu bereuen, dass auch er nicht tot ist. Er leidet unter Hunger – seine Lebenskräfte sind erschöpft. Immer wieder fällt er auf die Straβe.
In seinem Bewusstsein erscheint die Vorstellung von einer Vergegenständlichung des Bösen – es ist eine Puppe des „Brillenmannes im weiβen Kittel“. Die Puppe löst die Angst aus. Der Heimkehrer versucht, das Schreckliche zu überwinden, das Bedrohliche zu verdrängen. Leutnant Fischer vernichtet die Puppe, um sich von dem Bösen symbolisch zu befreien und seinem Problem auszuweichen. Sein Verhalten erinnert an das Verhalten eines Kindes, das sich gegen das Böse wehrt. Diese Reaktion war jedoch nur in der Kindheit wirksam – jetzt ist es keine richtige Befreiung. Die wahren Sachverhalte kann der Heimkehrer nicht unterdrücken. Der junge Leutnant kann nur versuchen, seine Ängste zu objektivieren, indem er die Puppe mit dem Bösen identifiziert.
So wie in vielen anderen Kurzgeschichten bedient sich Borchert der Technik des inneren Monologs – auf diese Art und Weise zeigt er die Auswirkungen des Krieges auf die Psyche des jungen Mannes. So wird der seelische Zustand des Heimkehrers geschildert. Leutnant Fischer trifft sein Alter Ego – Timm, der ihm die Schuld an der Misshandlung eines älteren Mannes zuschiebt: „Timm sagt, ich hätte den Alten nicht vom Wagen schubsen sollen. Ich hab den Alten nicht vom Wagen geschubst. Du hättest es nicht tun sollen, sagt Timm. Ich habe es nicht getan“ (Borchert 1947: 292). Bei diesem „alten Mann“ handelt es sich um eine Figur des Vaters. Die Erscheinung Timms als eine Vision lässt Fischer sich schuldig fühlen. Es gelingt ihm jedoch, einen wirklich Schuldigen auβer sich zu finden. Er weiβ, dass Timm mit Schuld beladen ist: „Aber ich kenne Timm, der nicht schlafen kann, weil er den alten Mann getreten hat“ (Borchert 1947: 306). Timm gelingt es nicht, seine Schuld dem jungen Mann zu schieben.
Die Gestalt des Heimkehrers ist in Borcherts Werken ein Spielball des Schicksals, ein Jedermann der Kriegsgeneration, ein illusionsloser Individualist, ein junger Mensch, der das Schicksal seiner Altersgenossen beispielhaft vorlebt, ein Repräsentant einer schrecklichen Zeit. Die Auβenwelt droht ihm ebenso zu entgleiten wie das eigene Selbst.
Primärliteratur:
BORCHERT, Wolfgang (1947): Die lange lange Straβe lang. In: Das Gesamtwerk, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag 2009.
11.8.11
Im Mai, im Mai schrie der Kuckuck
Borcherts Kriegsheimkehrer aus der Kurzgeschichte Im Mai, im Mai schrie der Kuckuck
Mein Text:
Borcherts Kriegsheimkehrer sehnen sich oft nach der Zeit der Kindheit. Dies gilt auch für die Geschichte Im Mai, im Mai schrie der Kuckuck. Der Protagonist erlebt ein „Kuckucksschicksal“. Die Handlung spielt im Mai, also im Monat der Kapitulation Deutschlands. Der Protagonist hat die krankhafte Imagination, „von der Mutter verstoβen zu sein“. Er fühlt sich so einsam wie der Kuckuck, der seine „Einsamkeit schreit“. Deswegen bezeichnet der junge Mann sein Schicksal als „Kuckucksschicksal“ – es handelt sich um die Einsamkeit, also um das Schicksal der Heimkehrer seiner Generation. In der Geschichte werden die Auswirkungen des Krieges auf die Psyche gezeigt. So wird die Nervenspannung entladen.
Der junge Mann denkt über verschiedene Monate nach. Die Monate führen bestimmte Assoziationen vor Augen: die Novembernächte in den vereinsamten mausgrauen Städten, Märzmorgenschreie, novemberträchtige Lokomotivenschreie, die Klarinettenschreie an Septemberabenden, Aprilschreie der Katzen, die einsamen januareisigen Schreie (Borchert 1947: 267-268). Aber Mai ist ein besonderer Monat: auch im Mai hört man überall Geräusche, die man auch in anderen Monaten hört, aber hinzu kommt der Kuckuck, der den Heimkehrer an seine Einsamkeit, an sein Ausgeschlossensein, an sein Aufdemwegsein erinnert. Er will vor diesem Schrei fliehen, ihn nicht mehr hören, aber dies erweist sich als unmöglich, denn dieser Schrei ist wie ein pochendes lebendiges Herz, Der Kuckuck macht dich verrückt (Borchert 1947: 268), Der Kuckuck lacht dich aus, wenn du fliehst (Ebenda: 269). Denn er weiβ, dass der Heimkehrer nicht fliehen kann, dass er keine Zuflucht finden kann. Der Heimkehrer ist allein, er ist mit seinem „Weltschmerz“ einsam. Ihn begleitet nur die Sehnsucht nach Liebe. Er sieht den Kuckuck als einen brüderlichen Vogel (Borchert 1947: 269), weil er auch einsam ist, weil er seine Einsamkeit besingt. So kann der Heimkehrer sich mit dem Vogel identifizieren: er ist ebenso „verstoβen“, ebenso „ausgesetzt“. Beide „Brüder“ sehnen sich in der Geschichte nach der Liebe der Mutter, die für Liebe und Geborgenheit steht. Der Schrei des Kuckucks bekräftigt den Eindruck der Einsamkeit des Heimkehrers. Er wirft zu Recht die Frage auf, ob die Dichter das Alleinsein aussprechen können. Es erweist sich als unmöglich – das Gefühl des Ausgeschlossenseins ist wie ein glühendes Skalpell, das durch Stein dringt.
Nicht einmal die Dichter mit ihrem ausgefallenen Wortschatz sind im Stande, die Einsamkeit der Heimkehrer zu besingen. Keine Worte können sie wiedergeben, kein Vokabular kann sie zur Anschauung bringen. In der Geschichte äuβert Borchert seine Meinung dazu, wie er die Sorgen seiner Generation zu Feder bringen will. Er hat keine Metaphern parat. Die Dichter sollten die Wirklichkeit literarisch verwirklichen, indem sie auf extravagante Ausdrucksmittel verzichten. Nur eine karge Sprache bezeugt eine Art von Respekt für die Kriegsleiden der Menschen. Um dies zu erreichen, müssen die Dichter die Wirklichkeit so beschreiben, wie sie ist: wie man einen Schuh macht, einen Fisch fängt und ein Dach dichtet. Sie sollten vor den wahren Vokabeln der Welt (Borchert 1947: 269) nicht fliehen und die einfachsten Ausdrucksmittel verwenden. Seine Gedanken spricht der junge Heimkehrer aus: wer weiβ einen Reim auf das Röcheln einer zerschossenen Lunge, einen Reim auf einen Hinrichtungsschrei, wer kennt das Versmaβ, das rhythmische, für eine Vergewaltigung, wer weiβ ein Versmaβ für das Gebell der Maschinengewehre, eine Vokabel für den frisch verstummten Schrei eines toten Pferdeauges, in dem sich kein Himmel mehr spiegelt und nicht mal die brennenden Dörfer, welche Druckerei hat ein Zeichen für das Rostrot der Güterwagen, dieses Weltbrandrot, dieses angetrocknete blutigverkrustete Rot auf weiβer menschlicher Haut? (Borchert 1947: 269-270).
Die Gedanken des Heimkehrers kann man in Borcherts Manifest finden. Den Sprachduktus für die Erlebnisse seiner Generation kann er nur in karger, einfacher Sprache finden. Sprachdekor soll fehlen. Die Kargheit der Sprache wird bei Borchert zum Stilprinzip. Er postuliert die Abwendung von der rein literarischen Sprache. Der junge Mann in der Geschichte weiβ, dass die Literatur an grausamen Kriegserfahrungen nicht vorbeigehen kann. Die Dichter können über den Krieg nicht so leicht hinweg. Sonst würden sie die Glaubwürdigkeit der Literatur beträchtlich unterhöhlen. Der Heimkehrer ist fest davon überzeugt, dass die Dichter den Stoff für ihre Werke dem Leben entnehmen werden. Es wäre allerdings verfehlt, zu glauben, dass die Literatur das Schicksal der Heimkehrer völlig wiedergeben kann: der junge Mann weiβ, dass literarische Werke von lakonischer Kürze sind im Vergleich zum wahren Leben. Die Versuche, ein Buch über die Kriegserlebnisse zu verfassen, beschreibt er als tollkühn und sinnlos (Borchert 1947: 270). Er weiβ jedoch, dass die Dichter trotzdem versuchen werden, einen Sprachduktus zu finden, der dies zum Ausdruck bringen könnte. Verzweifelt bezeichnet er das Leben als Sisyphusseiten (Borchert 1947: 271). Diese Äuβerung lässt Bedenken aufkommen, ob der Heimkehrer sich noch irgendwann in der Welt zurechtfinden kann. Es stellt sich heraus, dass er in Kontakt zu anderen Menschen nicht treten kann. Er ist menschen- und weltfremd.
Der Mai, der Frühling ist die Zeit der Wiedergeburt, des Erblühens der Welt, aber der Heimkehrer fühlt sich nur einsam, er hat ein Fremdlingsherz (Borchert 1947: 270). Das Land, in das er zurückgekehrt ist, ist nicht mehr sein Land. Er kann sich nur an bessere Zeiten erinnern, mit denen höchstwahrscheinlich die Zeit der Kindheit gemeint wird. Sein beklemmendes Gefühl der Einsamkeit kann er nicht ausschreien: niemand will ihn anhören. Von dieser Situation lässt sich eines der Probleme der Heimkehrer aufrollen: es handelt sich nämlich um die Gesellschaft, die die Heimkehrer nicht aufnehmen kann. Der junge Mann ist einsam, er beneidet die Menschen in der Straβenbahn, die bestimmt das Ziel ihrer Reise kennen. Sie wissen, dass sie ihr Ziel erreichen. Sie haben weder Hunger noch Heimweh (Borchert 1947: 271), im Gegenteil zum jungen Heimkehrer, der kein alltägliches Leben leben kann. Der Anblick der zerstörten Heimat muss ständig seine Kriegserinnerungen evozieren. Er ist sich dessen bewusst, dass die Menschen in der Straβenbahn an alltägliche Angelegenheiten denken. Der Krieg gehört nicht mehr zu ihren Interessen und sie benehmen sich, als ob nichts geschehen wäre. Sie haben Mittel (...) gegen Heimweh und Hunger (Borchert 1947: 272) und können sich so geborgen fühlen. Kein Kuckucksschrei erinnert sie an grausame Erlebnisse, kein Kuckucksschrei bedrückt ihr Gewissen. Es sind Menschen, die in ihrem Familienleben glücklich sind, die ein normales Leben führen, deren Alltag im krassen Widerspruch zum grauen Heimkehreralltag steht: Ein verheirateter Straβenbahnschaffner hat womöglich einen kleinen Garten, einen Balkonkasten oder er bastelt für seine fünf Kinder Segelschiffe (Borchert 1947: 272). Andere Menschen haben keine Angst, der Kuckucksschrei dringt in ihr Bewusstsein nicht, sie erzählen der Generation ihrer Kinder von Kriegsleiden nicht. Der Heimkehrer gehört der Straβe, die Straβenbahn fährt ab. Er kann sich ins geborgene Zuhause nicht begeben, die Straβe muss ihm all das ersetzen, wonach er sich sehnt: Die Straβe ist ihr Himmel, ihr andächtiges Schreiten, ihr toller Tanz, ihre Hölle, ihr Bett (mit Parkbänken und Brückenbogen), ihre Mutter und ihr Mädchen. Diese grauharte Straβe ist ihr staubiger schweigsam verläβlicher Kumpel, stur, treu, beständig. (...) Diese Straβe ist ihre Verzagtheit und ihr abenteuerlicher Mut (Borchert 1947: 273-274). Andererseits bedeutet die Straβe Einsamkeit, weil die genannten Aspekte nur scheinhaft sind: auf der Straβe gibt es keine hilfreiche Hand, nur der Schrei des Kuckucks, des einsamen Vogels, ist zu hören.
In der Stadt, in die der junge Mann zurückgekehrt ist, wohnen tausende Menschen. Trotzdem ist er vereinsamt in der millionenfenstrigen Stadt (Borchert 1947: 274). Nur selten ist ein Fenster offen für ihn. Auf seine Sehnsucht reagiert eindlich eine Frau: ihr Fenster ist offen. Endlich spürt er die Nähe eines anderen Menschen, endlich ist jemand zuvorkommend zu ihm. Er ist jedoch nicht bereit, sich der Frau zu nähern, ist erschrocken und denkt an den Kuckuck, den man nachts hören kann. Die zwischenmenschlichen Beziehungen können für ihn nicht in Betracht kommen, er kann sich nur in seine Eigenwelt einspinnen. Dies bekräftigt den Eindruck des Alleinseins, so macht sich sein Ausgeschlossensein bemerkbar. Einen direkten Kontakt zu der Frau empfindet er als eine hautnahe Bedrohung. Er muss die erwartete Männerrolle verweigern. Er kann der Vorstellung vom Mann dieser Frau nicht entsprechen. Wegen gestörter seelischer Verfassung kann der Heimkehrer nur flüchtige Kontakte mit Frauen etablieren. Er kann keine normalen Beziehungen zu Frauen entwickeln. Die Annäherung erweist sich als unmöglich.
Die Gedanken der Frau kreisen um das Alter des Mannes: Er ist höchstens zwanzig (...) Er ist viel zu jung (Borchert 1947: 278). Vor Müdigkeit schläft der Mann schnell ein. Am nächsten Tag ist er sich dessen bewusst, dass die Frau eine andere Reaktion von ihm erwartet hat. Er erzählt ihr über die Kriegserfahrungen und sagt ihr, dass er dank ihnen ein Mann und nicht mehr ein Kind ist. Im Krieg, im Kampf auf den Schlachtfeldern ist er zu einem Mann geworden. So lässt er keine Bedenken aufkommen: er ist ein Mann, der harte Erfahrungen hinter sich hat. Im Krieg hat er aufgehört, ein Kind zu sein. Damals ist die ungetrübte Zeit der Kindheit zu Ende gegangen. Weiter erinnert er sich an den Morgen, an dem er mit seinen Altersgenossen die Heimat verlassen musste, um in den Krieg zu ziehen. Er erinnert sich an den Abschied von seinen Eltern, die jetzt, nach dem Krieg wahrscheinlich tot sind. Nach der Rückkehr nach Deutschland hat niemand auf ihn gewartet. Wie schon erwähnt, haben die meisten Heimkehrer ihre Familien verloren und der Staat hat sich um sie nicht gekümmert. So kann der junge Mann nur Gott Vorwürfe machen, weil niemand ihn anhören will: dann fluchten wir in den Himmel, in den taubstummen Himmel: Und führe uns niemals in Fahnenflucht und vergib uns unsere MGs, vergib uns, aber keiner keiner war da, der uns vergab, es war keiner da (Borchert 1947: 283). Auch wenn er seine Kriegserfahrungen beschreiben möchte, kann er kein entsprechendes Vokabular finden: denn uns fehlen die Vokabeln, um nur eine Sekunde von ihm wiederzugeben, nur für eine Sekunde (Borchert 1947: 283).
Jetzt, nach dem Krieg, ist der junge Mann unterwegs. Er träumt von einer anderen Welt, von einer utopischen Welt, in der man die Dinge beim Namen nennen könnte, in der man jedes Ding so bezeichnen könnte, wie es ist, in der keine Worte fehlen würden, um die Erlebnisse, die Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Er träumt von einer Welt, in der die Heimkehrer Hilfe vom Staat bekommen würden, in der die Öffentlichkeit ihr Problem nicht ausgrenzen würde, in der die Gefühle nicht unterdrückt würden, in der man die jungen Menschen um ihr Schicksal, um ihre Zukunft nicht betrogen hätte: Und die neue Stadt, das ist die Stadt, in der die weisen Männer, die Lehrer und die Minister, nicht lügen, in der die Dichter sich von nichts anderem verführen lassen, als von der Vernunft ihres Herzens, das ist die Stadt, in der die Mütter nicht sterben und die Mädchen keine Syphilis haben, die Stadt, in der es keine Werkstätten für Prothesen und keine Rollstühle gibt, das ist die Stadt, in der der Regen R e g e n genannt wird und die Sonne S o n n e (Borchert 1947: 285).
Er träumt von einer Welt, in der der grausame Kriegsmechanismus und seine Konsequenzen die Menschen nicht in Verzweiflung treiben würden: die Stadt, in der es keine Keller gibt, in denen blaβgesichtige Kinder nachts von Ratten angefressen werden, und in der es keine Dachböden gibt, in denen sich die Väter erhängen, weil die Frauen kein Brot auf den Tisch stellen können, das ist die Stadt, in der die Jünglinge nicht blind und nicht einarmig sind und in der es keine Generäle gibt (Borchert 1947: 285). Hier spricht Borchert die unmittelbaren Konsequenzen des Kriegs an.
Es sind jedoch nur die Träume des jungen Mannes: das Ende der Geschichte sieht so wie die Ausgangssituation aus: Der Schluβ ist dann so wie alle wirklichen Schlüsse im Leben: banal, wortlos, überwältigend (Borchert 1947: 287). Der Heimkehrer steht einsam auf der Straβe, seine Seinsleere enthüllt sich, als er seinen Blick auf die graue Stadt richtet. Er empfindet den „Weltschmerz“ und auch der Gedanke daran, dass er nie wieder nach Russland muss, stellt keinen Trost dar, weil er so wie Beckmann „drauβen vor der Tür“ steht.
QUELLEN:
Primärliteratur:
BORCHERT, Wolfgang (1947): Im Mai, im Mai schrie der Kuckuck. In: Das Gesamtwerk, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag 2009.
Mein Text:
Borcherts Kriegsheimkehrer sehnen sich oft nach der Zeit der Kindheit. Dies gilt auch für die Geschichte Im Mai, im Mai schrie der Kuckuck. Der Protagonist erlebt ein „Kuckucksschicksal“. Die Handlung spielt im Mai, also im Monat der Kapitulation Deutschlands. Der Protagonist hat die krankhafte Imagination, „von der Mutter verstoβen zu sein“. Er fühlt sich so einsam wie der Kuckuck, der seine „Einsamkeit schreit“. Deswegen bezeichnet der junge Mann sein Schicksal als „Kuckucksschicksal“ – es handelt sich um die Einsamkeit, also um das Schicksal der Heimkehrer seiner Generation. In der Geschichte werden die Auswirkungen des Krieges auf die Psyche gezeigt. So wird die Nervenspannung entladen.
Der junge Mann denkt über verschiedene Monate nach. Die Monate führen bestimmte Assoziationen vor Augen: die Novembernächte in den vereinsamten mausgrauen Städten, Märzmorgenschreie, novemberträchtige Lokomotivenschreie, die Klarinettenschreie an Septemberabenden, Aprilschreie der Katzen, die einsamen januareisigen Schreie (Borchert 1947: 267-268). Aber Mai ist ein besonderer Monat: auch im Mai hört man überall Geräusche, die man auch in anderen Monaten hört, aber hinzu kommt der Kuckuck, der den Heimkehrer an seine Einsamkeit, an sein Ausgeschlossensein, an sein Aufdemwegsein erinnert. Er will vor diesem Schrei fliehen, ihn nicht mehr hören, aber dies erweist sich als unmöglich, denn dieser Schrei ist wie ein pochendes lebendiges Herz, Der Kuckuck macht dich verrückt (Borchert 1947: 268), Der Kuckuck lacht dich aus, wenn du fliehst (Ebenda: 269). Denn er weiβ, dass der Heimkehrer nicht fliehen kann, dass er keine Zuflucht finden kann. Der Heimkehrer ist allein, er ist mit seinem „Weltschmerz“ einsam. Ihn begleitet nur die Sehnsucht nach Liebe. Er sieht den Kuckuck als einen brüderlichen Vogel (Borchert 1947: 269), weil er auch einsam ist, weil er seine Einsamkeit besingt. So kann der Heimkehrer sich mit dem Vogel identifizieren: er ist ebenso „verstoβen“, ebenso „ausgesetzt“. Beide „Brüder“ sehnen sich in der Geschichte nach der Liebe der Mutter, die für Liebe und Geborgenheit steht. Der Schrei des Kuckucks bekräftigt den Eindruck der Einsamkeit des Heimkehrers. Er wirft zu Recht die Frage auf, ob die Dichter das Alleinsein aussprechen können. Es erweist sich als unmöglich – das Gefühl des Ausgeschlossenseins ist wie ein glühendes Skalpell, das durch Stein dringt.
Nicht einmal die Dichter mit ihrem ausgefallenen Wortschatz sind im Stande, die Einsamkeit der Heimkehrer zu besingen. Keine Worte können sie wiedergeben, kein Vokabular kann sie zur Anschauung bringen. In der Geschichte äuβert Borchert seine Meinung dazu, wie er die Sorgen seiner Generation zu Feder bringen will. Er hat keine Metaphern parat. Die Dichter sollten die Wirklichkeit literarisch verwirklichen, indem sie auf extravagante Ausdrucksmittel verzichten. Nur eine karge Sprache bezeugt eine Art von Respekt für die Kriegsleiden der Menschen. Um dies zu erreichen, müssen die Dichter die Wirklichkeit so beschreiben, wie sie ist: wie man einen Schuh macht, einen Fisch fängt und ein Dach dichtet. Sie sollten vor den wahren Vokabeln der Welt (Borchert 1947: 269) nicht fliehen und die einfachsten Ausdrucksmittel verwenden. Seine Gedanken spricht der junge Heimkehrer aus: wer weiβ einen Reim auf das Röcheln einer zerschossenen Lunge, einen Reim auf einen Hinrichtungsschrei, wer kennt das Versmaβ, das rhythmische, für eine Vergewaltigung, wer weiβ ein Versmaβ für das Gebell der Maschinengewehre, eine Vokabel für den frisch verstummten Schrei eines toten Pferdeauges, in dem sich kein Himmel mehr spiegelt und nicht mal die brennenden Dörfer, welche Druckerei hat ein Zeichen für das Rostrot der Güterwagen, dieses Weltbrandrot, dieses angetrocknete blutigverkrustete Rot auf weiβer menschlicher Haut? (Borchert 1947: 269-270).
Die Gedanken des Heimkehrers kann man in Borcherts Manifest finden. Den Sprachduktus für die Erlebnisse seiner Generation kann er nur in karger, einfacher Sprache finden. Sprachdekor soll fehlen. Die Kargheit der Sprache wird bei Borchert zum Stilprinzip. Er postuliert die Abwendung von der rein literarischen Sprache. Der junge Mann in der Geschichte weiβ, dass die Literatur an grausamen Kriegserfahrungen nicht vorbeigehen kann. Die Dichter können über den Krieg nicht so leicht hinweg. Sonst würden sie die Glaubwürdigkeit der Literatur beträchtlich unterhöhlen. Der Heimkehrer ist fest davon überzeugt, dass die Dichter den Stoff für ihre Werke dem Leben entnehmen werden. Es wäre allerdings verfehlt, zu glauben, dass die Literatur das Schicksal der Heimkehrer völlig wiedergeben kann: der junge Mann weiβ, dass literarische Werke von lakonischer Kürze sind im Vergleich zum wahren Leben. Die Versuche, ein Buch über die Kriegserlebnisse zu verfassen, beschreibt er als tollkühn und sinnlos (Borchert 1947: 270). Er weiβ jedoch, dass die Dichter trotzdem versuchen werden, einen Sprachduktus zu finden, der dies zum Ausdruck bringen könnte. Verzweifelt bezeichnet er das Leben als Sisyphusseiten (Borchert 1947: 271). Diese Äuβerung lässt Bedenken aufkommen, ob der Heimkehrer sich noch irgendwann in der Welt zurechtfinden kann. Es stellt sich heraus, dass er in Kontakt zu anderen Menschen nicht treten kann. Er ist menschen- und weltfremd.
Der Mai, der Frühling ist die Zeit der Wiedergeburt, des Erblühens der Welt, aber der Heimkehrer fühlt sich nur einsam, er hat ein Fremdlingsherz (Borchert 1947: 270). Das Land, in das er zurückgekehrt ist, ist nicht mehr sein Land. Er kann sich nur an bessere Zeiten erinnern, mit denen höchstwahrscheinlich die Zeit der Kindheit gemeint wird. Sein beklemmendes Gefühl der Einsamkeit kann er nicht ausschreien: niemand will ihn anhören. Von dieser Situation lässt sich eines der Probleme der Heimkehrer aufrollen: es handelt sich nämlich um die Gesellschaft, die die Heimkehrer nicht aufnehmen kann. Der junge Mann ist einsam, er beneidet die Menschen in der Straβenbahn, die bestimmt das Ziel ihrer Reise kennen. Sie wissen, dass sie ihr Ziel erreichen. Sie haben weder Hunger noch Heimweh (Borchert 1947: 271), im Gegenteil zum jungen Heimkehrer, der kein alltägliches Leben leben kann. Der Anblick der zerstörten Heimat muss ständig seine Kriegserinnerungen evozieren. Er ist sich dessen bewusst, dass die Menschen in der Straβenbahn an alltägliche Angelegenheiten denken. Der Krieg gehört nicht mehr zu ihren Interessen und sie benehmen sich, als ob nichts geschehen wäre. Sie haben Mittel (...) gegen Heimweh und Hunger (Borchert 1947: 272) und können sich so geborgen fühlen. Kein Kuckucksschrei erinnert sie an grausame Erlebnisse, kein Kuckucksschrei bedrückt ihr Gewissen. Es sind Menschen, die in ihrem Familienleben glücklich sind, die ein normales Leben führen, deren Alltag im krassen Widerspruch zum grauen Heimkehreralltag steht: Ein verheirateter Straβenbahnschaffner hat womöglich einen kleinen Garten, einen Balkonkasten oder er bastelt für seine fünf Kinder Segelschiffe (Borchert 1947: 272). Andere Menschen haben keine Angst, der Kuckucksschrei dringt in ihr Bewusstsein nicht, sie erzählen der Generation ihrer Kinder von Kriegsleiden nicht. Der Heimkehrer gehört der Straβe, die Straβenbahn fährt ab. Er kann sich ins geborgene Zuhause nicht begeben, die Straβe muss ihm all das ersetzen, wonach er sich sehnt: Die Straβe ist ihr Himmel, ihr andächtiges Schreiten, ihr toller Tanz, ihre Hölle, ihr Bett (mit Parkbänken und Brückenbogen), ihre Mutter und ihr Mädchen. Diese grauharte Straβe ist ihr staubiger schweigsam verläβlicher Kumpel, stur, treu, beständig. (...) Diese Straβe ist ihre Verzagtheit und ihr abenteuerlicher Mut (Borchert 1947: 273-274). Andererseits bedeutet die Straβe Einsamkeit, weil die genannten Aspekte nur scheinhaft sind: auf der Straβe gibt es keine hilfreiche Hand, nur der Schrei des Kuckucks, des einsamen Vogels, ist zu hören.
In der Stadt, in die der junge Mann zurückgekehrt ist, wohnen tausende Menschen. Trotzdem ist er vereinsamt in der millionenfenstrigen Stadt (Borchert 1947: 274). Nur selten ist ein Fenster offen für ihn. Auf seine Sehnsucht reagiert eindlich eine Frau: ihr Fenster ist offen. Endlich spürt er die Nähe eines anderen Menschen, endlich ist jemand zuvorkommend zu ihm. Er ist jedoch nicht bereit, sich der Frau zu nähern, ist erschrocken und denkt an den Kuckuck, den man nachts hören kann. Die zwischenmenschlichen Beziehungen können für ihn nicht in Betracht kommen, er kann sich nur in seine Eigenwelt einspinnen. Dies bekräftigt den Eindruck des Alleinseins, so macht sich sein Ausgeschlossensein bemerkbar. Einen direkten Kontakt zu der Frau empfindet er als eine hautnahe Bedrohung. Er muss die erwartete Männerrolle verweigern. Er kann der Vorstellung vom Mann dieser Frau nicht entsprechen. Wegen gestörter seelischer Verfassung kann der Heimkehrer nur flüchtige Kontakte mit Frauen etablieren. Er kann keine normalen Beziehungen zu Frauen entwickeln. Die Annäherung erweist sich als unmöglich.
Die Gedanken der Frau kreisen um das Alter des Mannes: Er ist höchstens zwanzig (...) Er ist viel zu jung (Borchert 1947: 278). Vor Müdigkeit schläft der Mann schnell ein. Am nächsten Tag ist er sich dessen bewusst, dass die Frau eine andere Reaktion von ihm erwartet hat. Er erzählt ihr über die Kriegserfahrungen und sagt ihr, dass er dank ihnen ein Mann und nicht mehr ein Kind ist. Im Krieg, im Kampf auf den Schlachtfeldern ist er zu einem Mann geworden. So lässt er keine Bedenken aufkommen: er ist ein Mann, der harte Erfahrungen hinter sich hat. Im Krieg hat er aufgehört, ein Kind zu sein. Damals ist die ungetrübte Zeit der Kindheit zu Ende gegangen. Weiter erinnert er sich an den Morgen, an dem er mit seinen Altersgenossen die Heimat verlassen musste, um in den Krieg zu ziehen. Er erinnert sich an den Abschied von seinen Eltern, die jetzt, nach dem Krieg wahrscheinlich tot sind. Nach der Rückkehr nach Deutschland hat niemand auf ihn gewartet. Wie schon erwähnt, haben die meisten Heimkehrer ihre Familien verloren und der Staat hat sich um sie nicht gekümmert. So kann der junge Mann nur Gott Vorwürfe machen, weil niemand ihn anhören will: dann fluchten wir in den Himmel, in den taubstummen Himmel: Und führe uns niemals in Fahnenflucht und vergib uns unsere MGs, vergib uns, aber keiner keiner war da, der uns vergab, es war keiner da (Borchert 1947: 283). Auch wenn er seine Kriegserfahrungen beschreiben möchte, kann er kein entsprechendes Vokabular finden: denn uns fehlen die Vokabeln, um nur eine Sekunde von ihm wiederzugeben, nur für eine Sekunde (Borchert 1947: 283).
Jetzt, nach dem Krieg, ist der junge Mann unterwegs. Er träumt von einer anderen Welt, von einer utopischen Welt, in der man die Dinge beim Namen nennen könnte, in der man jedes Ding so bezeichnen könnte, wie es ist, in der keine Worte fehlen würden, um die Erlebnisse, die Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Er träumt von einer Welt, in der die Heimkehrer Hilfe vom Staat bekommen würden, in der die Öffentlichkeit ihr Problem nicht ausgrenzen würde, in der die Gefühle nicht unterdrückt würden, in der man die jungen Menschen um ihr Schicksal, um ihre Zukunft nicht betrogen hätte: Und die neue Stadt, das ist die Stadt, in der die weisen Männer, die Lehrer und die Minister, nicht lügen, in der die Dichter sich von nichts anderem verführen lassen, als von der Vernunft ihres Herzens, das ist die Stadt, in der die Mütter nicht sterben und die Mädchen keine Syphilis haben, die Stadt, in der es keine Werkstätten für Prothesen und keine Rollstühle gibt, das ist die Stadt, in der der Regen R e g e n genannt wird und die Sonne S o n n e (Borchert 1947: 285).
Er träumt von einer Welt, in der der grausame Kriegsmechanismus und seine Konsequenzen die Menschen nicht in Verzweiflung treiben würden: die Stadt, in der es keine Keller gibt, in denen blaβgesichtige Kinder nachts von Ratten angefressen werden, und in der es keine Dachböden gibt, in denen sich die Väter erhängen, weil die Frauen kein Brot auf den Tisch stellen können, das ist die Stadt, in der die Jünglinge nicht blind und nicht einarmig sind und in der es keine Generäle gibt (Borchert 1947: 285). Hier spricht Borchert die unmittelbaren Konsequenzen des Kriegs an.
Es sind jedoch nur die Träume des jungen Mannes: das Ende der Geschichte sieht so wie die Ausgangssituation aus: Der Schluβ ist dann so wie alle wirklichen Schlüsse im Leben: banal, wortlos, überwältigend (Borchert 1947: 287). Der Heimkehrer steht einsam auf der Straβe, seine Seinsleere enthüllt sich, als er seinen Blick auf die graue Stadt richtet. Er empfindet den „Weltschmerz“ und auch der Gedanke daran, dass er nie wieder nach Russland muss, stellt keinen Trost dar, weil er so wie Beckmann „drauβen vor der Tür“ steht.
QUELLEN:
Primärliteratur:
BORCHERT, Wolfgang (1947): Im Mai, im Mai schrie der Kuckuck. In: Das Gesamtwerk, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag 2009.
2.8.11
Borcherts Kriegsheimkehrer
Mein Text:
Wolfgang Borchert als Stimme der jungen Generation in der unmittelbaren Nachkriegszeit richtete seinen Blick in erster Linie auf die Erfahrung des Krieges. Er ergriff Partei für seine ausgestoβene Generation und zog ihre Bilanz. In vielen Kurzgeschichten reflektiert er das Aufdemwegsein, das beklemmende Gefühl der Sinnlosigkeit, die schmerzliche Selbsterkenntnis orientierungsloser junger Menschen, die das schwarze Los gezogen haben, die nach dem Krieg nach Deutschland, in graue, triste Städte hungrig, geschlagen, abgerissen heimgekehrt sind, um festzustellen, dass für sie kein Platz, kein Zuhause mehr da ist. Der Anblick der zerstörten Heimat wirkt sich auf sie deprimierend aus. Sie fanden ein völlig anderes Bild der Heimat vor.
Als das Motto der Kriegsheimkehrergeschichten von Borchert könnte ein Fragment des Textes „Heimkehr“ von Franz Kafka gelten:
Ich bin angekommen. Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche? (...) Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause? Ich weiβ es nicht, ich bin sehr unsicher.
Zur Heimkehr gehört mehr als das bloβe physische Zurückkehren an den Ort, von dem man aufgebrochen ist. Die Heimkehr musste unter mehreren Aspekten vollzogen werden: sozial (wenn jemand in die Gesellschaft aufgenommen wird), psychisch (wenn jemand sich emotional aufgenommen fühlt). So bekommt die Heimkehr eine seelische Komponente, die viel mehr verlangt als das rein äuβere Zurückkehren. Denn der Heimkehrer hat sich selbst verändert und auch die Situation, die er vorfindet, von den Zuhausegebliebenen verändert worden ist.
Die Heimkehrer waren in den Kriegsjahren ins Leben getreten. Sie wurden zu Opfern der Pläne der Militaristen. Der grausame, entmenschlichte Kriegsmechanismus, die Wirklichkeit des totalen Krieges hatte sie in den Kampf getrieben. Widerstandslos eilten sie auf die Schlachtfelder, um ihre gröβte Enttäuschung, um eine Lektion der bitteren, erschütternde Wahrheit zu erleben. Viele kehrten erst nach langen Jahren der Gefangenschaft heim. Das Leben verwickelte sie in eine äuβerst unsichere Lage. Die Einheit der Welt, die sie kannten, wurde restlos, rettungslos zerschlagen. Das Bild ihrer Welt veränderte sich grundlegend, kippte um. Die Zusammenschau der Dinge ging verloren. Die Situation in Deutschland war furchteinflöβend und wenig einladend. Das Deutsche Reich wurde materiell zerstört und die sozialen Strukturen wurden aufgelöst: Das Bild des Deutschlands jener Tage zeigt neben zerstörten Wohnhäusern, Mietskasernen, Geschäftshäusern, Bahnhöfen, zerstörte Schulen, Kirchen und zerstörte Theater (Tank/Jacobs 1973: 39). Mit dem Verlust des deutschen Staatswesens, der deutschen Staatlichkeit ging der Verlust der Tradition einher: Man wollte sie wiederfinden: die groβen Vorbilder und Lehrer von einst, die man getötet, verjagt, geächtet hatte (Mayer 1988: 18).
Borchert versucht, ein neues Menschenbild zu entwerfen: den thematischen Orientierungspunkt bildet die Nachkriegsrealität. Die von Borchert behandelte Thematik zeichnet sich durch ihre Aktualität aus. Dabei realisiert er die Aufgabe der jüngeren Autoren-Generation, die in der Suche nach Übereinstimmung von Menschenbild und Wirklichkeitsbild (Braem 1973: 13) besteht. In seinen Heimkehrergeschichten spricht sich die Einsicht der Vieldeutigkeit der Trümmer-Ära, des zerfetzten Bewusstseins der Heimkehrer aus. Die Bilder von Innen- und Auβenwelt der Heimkehrerfiguren überlagern sich und stellen ein ausführliches, wahrheitsgetreues Porträt des deutschen Heimkehrers dar. Es sind dem Alltag des Nachkriegsdeutschlands entnommene Figuren. Die Fragen, die Borchert stellte, besaβen Wirkkraft auf seine Altersgenossen. In diesen Heimkehrergeschichten erklingt seine Anklage deutlich und laut. Er weiβ, dass der Krieg nicht nur auf den Schlachtfeldern geführt worden ist – er hat sich auch im Bewusstsein der Menschen abgespielt. Dieses Phänomen untersucht Borchert psychologisch. Er will, dass die Gesellschaft die Leiden der Heimkehrer erkennt. Er bietet ihnen eine Entlastung an.
Borcherts Kriegsheimkehrer sind perspektivelos, identitätslos, hoffnungslos, oft vornamenlos. Er stattet sie mit allgemeinverbindlichen Zügen aus, so dass sie als das eigene Ich vieler junger Menschen gelten können. Sie sind gezwungen, einen Neuanfang zu suchen und versuchen, sich in die Welt einzuleben, wieder zu existieren. Sie wurden in eine Realität zurückgeworfen, die jeden Sinn für sie verloren hat. Ihre Heimkehr ist verdorben. Ihre Zukunft scheint nicht erfolgsträchtig zu sein, ihr Lebenshunger ist unersättlich. Sie stehen vor dem Abgrund und müssen nach einer neuen Wirklichkeit suchen. In dieser Wirklichkeit gilt es die existentielle Not zu überwinden. Die alten Vorbilder gelten nicht mehr, im Chaos gibt es nichts Verbindliches. Herrschende Wertvorstellungen sind zusammengebrochen. Der Staat, den sie kannten, war nirgends zu fassen. Sie müssen einen neuen Kampf ums Überleben anfangen, sich auf eine neue Situation einrichten, obwohl sie die Vergangenheit noch nicht bewältigt haben.
Weil die politische Macht des Dritten Reiches zerstört wurde, gab es niemanden, an den sich die Heimkehrer um Hilfe wenden konnten. Ihre Familien waren oft vermisst, die Heimatstädte waren von Grund auf zerstört. Die Einsamkeit war ihr Dauerzustand. Das Klima der Zeit war für sie unfreundlich.
Es bleibt unbestreitbar, dass die Situation der Heimkehrer von der Öffentlichkeit ausgeklammert wurde. Die zerfallene Nation wollte nichts davon wissen. Angesichts der damaligen Realität wollte man dem Problem ausweichen. Die Heimkehrer wurden als „Unruhestifter“ gesehen. Die Gesellschaft hatte keinen Platz für überzählige Heimkehrer. Niemand wies ihnen einen Weg, niemand gab ihnen eine Idee, niemand half ihnen, ihre Hoffnungen in Taten umzusetzen. Sie trafen auf kein freundliches Entgegenkommen anderer Menschen. Man wollte sie aus dem bürgerlichen Leben ausschlieβen. Andere Menschen defilierten an ihnen vorbei, ohne ihr Verständnis für sie aufzubringen. Viele Durchschnittsmenschen hatten kein Problembewusstsein. Die Einverleibung des Individuums durch die Gesellschaft erwies sich als unmöglich. Diesen Figuren ist die Einsamkeit eigen. Die Wirklichkeit stimmte also nicht optimistisch. Oft als halbe Kinder wurden die Heimkehrer in den Krieg geschickt, um ins zerstörte Land mit leeren Händen heimzukehren. Borchert besingt ihre Einordnungsschwierigkeiten. Ihre soziale Heimkehr musste scheitern. Ihnen bleibt jede Chance auf die psychische Heimkehr verwehrt.
Horst Krüger schildert 1945 treffend die Lage der Heimkehrer:
Auf allen Bahnhöfen stehen sie herum, die Hoffnungslosen. Sie sind jung und tragen noch die Uniformen von gestern. Sie sind aus der Gefangenschaft zurückgekommen und haben ihre Heimat nicht wiedergefunden. Mit dem Ende des Krieges haben sie ihren Glauben verloren. Nun sind sie illusionslos und stecken doch voller Illusionen. Sie sind erschreckend nüchtern und sind doch keine Realisten. Sie sind zu allem fähig und beweisen dadurch täglich ihre Befähigung zum Leben. (...) Nun warten sie auf den Weg, der zurück ins Leben führt.
Wolfgang Borchert hat in seinen Kurzgeschichten den Bilanz-Versuch der Lage der Heimkehrer unternommen. In seinen Kurzgeschichten von lakonischer Kürze, von einfacher, völlig unpathetischer Sprache bringt er mit Mitgefühl, mit Anteilnahme, mit Einfühlungsvermögen den Aufbruchswillen, den fast unglaublichen Hunger nach einem Neubeginn, den Aufschrei seiner Generation zum Ausdruck – der Generation der Heimkehrer, die um ihre Ideale betrogen worden ist. In seinen Kurzgeschichten (und vor allem im Stück „Drauβen vor der Tür“) unterdrückt er die wahren Sachverhalte nicht. Er besingt die Hoffnungslosigkeit der jungen Menschen, anerkennt ihre Ratlosigkeit und Lethargie, ihre Bewusstseinsspaltung, ihre zerrissene Natur. So gewährte er einen völlig neuen Einblick auf seine Generation. Er sagte in stellvertretender Weise, woran so viele junge Menschen litten, sprach ihre Gedanken laut aus und legte den Kern des Problems. Er fand Worte, um davon zu sprechen. Borchert richtete seine Prosa an einen bestimmten Leserkreis: an junge Menschen, die ihre ersten Erfahrungen auf den Schlachtfeldern gesammelt hatten. Er reagierte auf die Unmöglichkeit ihrer Readaptation und auf ihre Unfähigkeit zur Readaptation. Er erörtert das Problem nüchtern und direkt. So wurde Borchert zur Symbolfigur seiner Generation, zumal eine Analogie von überlieferter Biographie und Dichtung bemerkbar ist. Im Namen seiner Generation wollte er eine Abrechnung mit dem Krieg vorziehen. In seinen Heimkehrergeschichten hält er absichtsvoll den Raum knapp – ein Hauch von Handlung genügt, um den Leser zu rühren.
Wolfgang Borchert hat den Krieg als Grenadier in der russischen Steppe erlebt. Sein Werk ist aus dem wahren Leben geboren. So hatte er eine innere Verbindung zum Kriegsphänomen. Es war für ihn ein sehr intensives Erlebnis, das seine Lebensperspektive um neue Erfahrungen und Beobachtungen bereichert hatte. Den Sprachduktus für die Erlebnisse seiner Generation fand er also im eigenen Heimkehrerschicksal. Es muss jedoch kursorisch erwähnt werden, dass Wolfgang Borchert selber ganz anders aufgenommen wurde als seine Heimkehrer: seine Mutter holte ihn ab, anschlieβend fand er Arbeit im Theater und seinen Freundeskreis.
Ein „typischer“ Heimkehrer ist hilflos, er verfällt in Verzweiflung, er sehnt sich nach einer geordneten und sicheren Existenz. Seine Handlungen sind oft destruktiv. Borchert stellt in vereinzelten Episoden typisierte Situationen der Heimkehrer dar, deren Ende oft vage bleibt. Sie werden als verstörende Eindringlinge gesehen. Nirgends werden sie aufgenommen. Sie werden total desillusioniert. Borchert problematisiert die Lage der Heimkehrer in ihrem Verhältnis zur Vergangenheit. Sie erscheinen oft als groteske Eindringlinge, die ihre Unfähigkeit zum Weiterleben nicht verdrängen können. Sie verlangen nach Kontinuität – niemand zeigt sich jedoch bereit, ihnen zu helfen, die Erlebnisse der letzten Jahre zu bewältigen. Ihre Vorstellungen, Erwartungen sind an die Vorkriegszeit angeknüpft. Sie haben das Kriegstrauma – sie können an einen Neubeginn nicht denken, weil sie zuerst den Krieg im Kopf beendigen müssen, weil die eigene Vergangenheit unvollendet ist. Sie können mit der Vergangenheit nicht endgültig abbrechen. Dieser Aufgabe können sie nicht nachkommen. Trotzdem unternehmen sie einen aktiven Versuch, sich eine Lebensperspektive zu etablieren. Sie wandern, sie suchen die Wahrheit.
In der neuen Gesellschaft können sie nicht Fuβ fassen. Sie können sich in der neuen Ordnung, Gesellschaft nicht zurechtfinden. Sie sind für die Gesellschaft nicht mehr nützlich. Niemand bringt sie zu neuem Lebenswillen. Sie kämpfen um ihre Existenz. Sie versuchen ihre Ruhe wiederzugewinnen, das Gewissen reinzumachen. Auch ins Familienhaus können sie sich nicht begeben. Es gibt niemanden, dem sie die Verantwortung für den Krieg zurückgeben können.
Im guten Glauben haben sie einer schlechten Sache gedient. Sie sind betrogen worden. Die Visionen der Kriegsereignisse durchdringen ihr Bewusstsein und bedrücken ihr Gewissen. Die Schuldfrage ist die Frage der Existenz – sie sind mit Schuld beladen. Der eigenen Schuld, der Verantwortung können sie sich nicht entziehen. Sie sind am eigenen Schicksal mitschuldig, weil sie am Krieg widerstandslos teilgenommen haben. Sie wussten, dass es ihre Pflicht ist, in den Krieg zu ziehen. Es war keine freiwillige Entscheidung. Als Heimkehrer müssen sie für diese Schuld buβen. Niemand kann ihnen das Schuldgefühl nehmen. Sie müssen damit selbst fertig werden. Um den Weg zur Readaptation finden, müssen sie das Schuldgefühl überwinden. Der Schuldkomplex macht ihr Leben unmöglich. Um den inneren Konflikt zu überwinden, versuchen sie, die Schuld von sich abzuweisen. Die Schuld ist ein wichtiger Faktor für die Krise des Heimkehrers.
Mit sich selbst können sie nicht zurechtkommen. Auch von anderen werden sie nicht verstanden. Die Tragik ihrer Existenz liegt im Ausgeschlossensein. Ihr Grundgefühl ist unglücklich. Sie sind unfähig, Kompromisse zu schlieβen. Es gibt keine Hoffnung, die sie erneut erfüllen könnte. Immer wieder müssen sie Enttäuschungen erleben. Sie bedrückt die Erkenntnis, dass ihre Fragen vergeblich sind. Die Antworten müssen sie selbst finden. Die Last der Vergeblichkeit der Fragen erdrückt sie.
In vielen Kriegsheimkehrergeschichten ertönt die Spieβer-Kritik. Borcherts Geschichten enthalten eine sozialkritische Dimension: es handelt sich um die Konfliktsituation „Heimkehrer – Gesellschaft“. Ins Auge fällt, dass die Spieβer den Krieg glücklich überstanden haben. Ihe Bezugspunkt ist die Vorkriegszeit. Sie haben kein Verständnis für die Heimkehrer. Man verlangt von ihnen, dass sie den Krieg „rational“ verdrängen und weiterleben. Man sagt, der Krieg habe ihren Verstand verwirrt. Die Rückkehr in die bürgerliche Lebenswelt erweist sich für die Heimkehrer als unmöglich, weil ihre existentiellen Ansprüche verharmlost werden. Gutgelaunt, erfolgreich zeigen die Spieβer ihre unbewusste Positivität. Die dunkle Kriegszeit wird von ihnen negiert. Sie haben sich inzwischen gut eingerichtet und sind in alltägliches Leben verwickelt. Man verlangt von den Heimkehrern, dass sie weiterleben, ohne auf die Vergangenheit Rücksicht zu nehmen. Heimkehrer sind für sie Gespenster aus dem längst schon beendeten Kriege, Überbleibsel der Vergangenheit. Die Heimkehrer schauen die Gegenwart mit den Augen der Vergangenheit an, sie sehen alles verschwommen. In Augen der kritisierten Spieβer hat alles, was mit dem Krieg verbunden war, die Gültigkeit verloren. Die Gesellschaft erwartet von den Heimkehrern, dass sie ihre Auffassung von Schuld überprüfen und möglicherweise ändern. So können sie sich mit der Gesellschaft nicht mehr verständigen. Die Gesellschaft fühlt sich von jeder Verantwortung entlastet. Die Gesellschaft will sich der Verantwortung entziehen. Niemand bekennt sich zur Schuld. Ihre Klagen werden von den Menschen nicht wahrgenommen. Sie wollen wenigstens aufmerksam gehört werden. Die Gesellschaft überhört Vorwürfe. Die Heimkehrer setzen sich mit der Gesellschaftsordnung auseinander.
Quellen:
BRAEM, Helmut M. (1973): 1945-1955. In: Arnold, Heinz Ludwig (Hrsg.): Geschichte der deutschen Literatur aus Methoden. Westdeutsche Literatur von 1945-71. Band I. Athenäum Verlag: Frankfurt am Main.
KRÜGER, HORST: Ort meiner Niederlagen. In: Städte 1945, Berichte und Bekenntnisse. Hrsg. Ingeborg Drewitz, Köln/Düsseldorf (Diederichs) 1970.
MAYER, Hans (1988): Die umerzogene Literatur. Deutsche Schriftsteller und Bücher 1945-1967. Siedler Verlag: Berlin.
TANK, Kurt Lothar / JACOBS, Wilhelm (1973): Zwischen den Trümmern. In: Arnold, Heinz Ludwig (Hrsg.): Geschichte der deutschen Literatur aus Methoden. Westdeutsche Literatur von 1945-71. Band I. Athenäum Verlag: Frankfurt am Main.
Wolfgang Borchert als Stimme der jungen Generation in der unmittelbaren Nachkriegszeit richtete seinen Blick in erster Linie auf die Erfahrung des Krieges. Er ergriff Partei für seine ausgestoβene Generation und zog ihre Bilanz. In vielen Kurzgeschichten reflektiert er das Aufdemwegsein, das beklemmende Gefühl der Sinnlosigkeit, die schmerzliche Selbsterkenntnis orientierungsloser junger Menschen, die das schwarze Los gezogen haben, die nach dem Krieg nach Deutschland, in graue, triste Städte hungrig, geschlagen, abgerissen heimgekehrt sind, um festzustellen, dass für sie kein Platz, kein Zuhause mehr da ist. Der Anblick der zerstörten Heimat wirkt sich auf sie deprimierend aus. Sie fanden ein völlig anderes Bild der Heimat vor.
Als das Motto der Kriegsheimkehrergeschichten von Borchert könnte ein Fragment des Textes „Heimkehr“ von Franz Kafka gelten:
Ich bin angekommen. Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche? (...) Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause? Ich weiβ es nicht, ich bin sehr unsicher.
Zur Heimkehr gehört mehr als das bloβe physische Zurückkehren an den Ort, von dem man aufgebrochen ist. Die Heimkehr musste unter mehreren Aspekten vollzogen werden: sozial (wenn jemand in die Gesellschaft aufgenommen wird), psychisch (wenn jemand sich emotional aufgenommen fühlt). So bekommt die Heimkehr eine seelische Komponente, die viel mehr verlangt als das rein äuβere Zurückkehren. Denn der Heimkehrer hat sich selbst verändert und auch die Situation, die er vorfindet, von den Zuhausegebliebenen verändert worden ist.
Die Heimkehrer waren in den Kriegsjahren ins Leben getreten. Sie wurden zu Opfern der Pläne der Militaristen. Der grausame, entmenschlichte Kriegsmechanismus, die Wirklichkeit des totalen Krieges hatte sie in den Kampf getrieben. Widerstandslos eilten sie auf die Schlachtfelder, um ihre gröβte Enttäuschung, um eine Lektion der bitteren, erschütternde Wahrheit zu erleben. Viele kehrten erst nach langen Jahren der Gefangenschaft heim. Das Leben verwickelte sie in eine äuβerst unsichere Lage. Die Einheit der Welt, die sie kannten, wurde restlos, rettungslos zerschlagen. Das Bild ihrer Welt veränderte sich grundlegend, kippte um. Die Zusammenschau der Dinge ging verloren. Die Situation in Deutschland war furchteinflöβend und wenig einladend. Das Deutsche Reich wurde materiell zerstört und die sozialen Strukturen wurden aufgelöst: Das Bild des Deutschlands jener Tage zeigt neben zerstörten Wohnhäusern, Mietskasernen, Geschäftshäusern, Bahnhöfen, zerstörte Schulen, Kirchen und zerstörte Theater (Tank/Jacobs 1973: 39). Mit dem Verlust des deutschen Staatswesens, der deutschen Staatlichkeit ging der Verlust der Tradition einher: Man wollte sie wiederfinden: die groβen Vorbilder und Lehrer von einst, die man getötet, verjagt, geächtet hatte (Mayer 1988: 18).
Borchert versucht, ein neues Menschenbild zu entwerfen: den thematischen Orientierungspunkt bildet die Nachkriegsrealität. Die von Borchert behandelte Thematik zeichnet sich durch ihre Aktualität aus. Dabei realisiert er die Aufgabe der jüngeren Autoren-Generation, die in der Suche nach Übereinstimmung von Menschenbild und Wirklichkeitsbild (Braem 1973: 13) besteht. In seinen Heimkehrergeschichten spricht sich die Einsicht der Vieldeutigkeit der Trümmer-Ära, des zerfetzten Bewusstseins der Heimkehrer aus. Die Bilder von Innen- und Auβenwelt der Heimkehrerfiguren überlagern sich und stellen ein ausführliches, wahrheitsgetreues Porträt des deutschen Heimkehrers dar. Es sind dem Alltag des Nachkriegsdeutschlands entnommene Figuren. Die Fragen, die Borchert stellte, besaβen Wirkkraft auf seine Altersgenossen. In diesen Heimkehrergeschichten erklingt seine Anklage deutlich und laut. Er weiβ, dass der Krieg nicht nur auf den Schlachtfeldern geführt worden ist – er hat sich auch im Bewusstsein der Menschen abgespielt. Dieses Phänomen untersucht Borchert psychologisch. Er will, dass die Gesellschaft die Leiden der Heimkehrer erkennt. Er bietet ihnen eine Entlastung an.
Borcherts Kriegsheimkehrer sind perspektivelos, identitätslos, hoffnungslos, oft vornamenlos. Er stattet sie mit allgemeinverbindlichen Zügen aus, so dass sie als das eigene Ich vieler junger Menschen gelten können. Sie sind gezwungen, einen Neuanfang zu suchen und versuchen, sich in die Welt einzuleben, wieder zu existieren. Sie wurden in eine Realität zurückgeworfen, die jeden Sinn für sie verloren hat. Ihre Heimkehr ist verdorben. Ihre Zukunft scheint nicht erfolgsträchtig zu sein, ihr Lebenshunger ist unersättlich. Sie stehen vor dem Abgrund und müssen nach einer neuen Wirklichkeit suchen. In dieser Wirklichkeit gilt es die existentielle Not zu überwinden. Die alten Vorbilder gelten nicht mehr, im Chaos gibt es nichts Verbindliches. Herrschende Wertvorstellungen sind zusammengebrochen. Der Staat, den sie kannten, war nirgends zu fassen. Sie müssen einen neuen Kampf ums Überleben anfangen, sich auf eine neue Situation einrichten, obwohl sie die Vergangenheit noch nicht bewältigt haben.
Weil die politische Macht des Dritten Reiches zerstört wurde, gab es niemanden, an den sich die Heimkehrer um Hilfe wenden konnten. Ihre Familien waren oft vermisst, die Heimatstädte waren von Grund auf zerstört. Die Einsamkeit war ihr Dauerzustand. Das Klima der Zeit war für sie unfreundlich.
Es bleibt unbestreitbar, dass die Situation der Heimkehrer von der Öffentlichkeit ausgeklammert wurde. Die zerfallene Nation wollte nichts davon wissen. Angesichts der damaligen Realität wollte man dem Problem ausweichen. Die Heimkehrer wurden als „Unruhestifter“ gesehen. Die Gesellschaft hatte keinen Platz für überzählige Heimkehrer. Niemand wies ihnen einen Weg, niemand gab ihnen eine Idee, niemand half ihnen, ihre Hoffnungen in Taten umzusetzen. Sie trafen auf kein freundliches Entgegenkommen anderer Menschen. Man wollte sie aus dem bürgerlichen Leben ausschlieβen. Andere Menschen defilierten an ihnen vorbei, ohne ihr Verständnis für sie aufzubringen. Viele Durchschnittsmenschen hatten kein Problembewusstsein. Die Einverleibung des Individuums durch die Gesellschaft erwies sich als unmöglich. Diesen Figuren ist die Einsamkeit eigen. Die Wirklichkeit stimmte also nicht optimistisch. Oft als halbe Kinder wurden die Heimkehrer in den Krieg geschickt, um ins zerstörte Land mit leeren Händen heimzukehren. Borchert besingt ihre Einordnungsschwierigkeiten. Ihre soziale Heimkehr musste scheitern. Ihnen bleibt jede Chance auf die psychische Heimkehr verwehrt.
Horst Krüger schildert 1945 treffend die Lage der Heimkehrer:
Auf allen Bahnhöfen stehen sie herum, die Hoffnungslosen. Sie sind jung und tragen noch die Uniformen von gestern. Sie sind aus der Gefangenschaft zurückgekommen und haben ihre Heimat nicht wiedergefunden. Mit dem Ende des Krieges haben sie ihren Glauben verloren. Nun sind sie illusionslos und stecken doch voller Illusionen. Sie sind erschreckend nüchtern und sind doch keine Realisten. Sie sind zu allem fähig und beweisen dadurch täglich ihre Befähigung zum Leben. (...) Nun warten sie auf den Weg, der zurück ins Leben führt.
Wolfgang Borchert hat in seinen Kurzgeschichten den Bilanz-Versuch der Lage der Heimkehrer unternommen. In seinen Kurzgeschichten von lakonischer Kürze, von einfacher, völlig unpathetischer Sprache bringt er mit Mitgefühl, mit Anteilnahme, mit Einfühlungsvermögen den Aufbruchswillen, den fast unglaublichen Hunger nach einem Neubeginn, den Aufschrei seiner Generation zum Ausdruck – der Generation der Heimkehrer, die um ihre Ideale betrogen worden ist. In seinen Kurzgeschichten (und vor allem im Stück „Drauβen vor der Tür“) unterdrückt er die wahren Sachverhalte nicht. Er besingt die Hoffnungslosigkeit der jungen Menschen, anerkennt ihre Ratlosigkeit und Lethargie, ihre Bewusstseinsspaltung, ihre zerrissene Natur. So gewährte er einen völlig neuen Einblick auf seine Generation. Er sagte in stellvertretender Weise, woran so viele junge Menschen litten, sprach ihre Gedanken laut aus und legte den Kern des Problems. Er fand Worte, um davon zu sprechen. Borchert richtete seine Prosa an einen bestimmten Leserkreis: an junge Menschen, die ihre ersten Erfahrungen auf den Schlachtfeldern gesammelt hatten. Er reagierte auf die Unmöglichkeit ihrer Readaptation und auf ihre Unfähigkeit zur Readaptation. Er erörtert das Problem nüchtern und direkt. So wurde Borchert zur Symbolfigur seiner Generation, zumal eine Analogie von überlieferter Biographie und Dichtung bemerkbar ist. Im Namen seiner Generation wollte er eine Abrechnung mit dem Krieg vorziehen. In seinen Heimkehrergeschichten hält er absichtsvoll den Raum knapp – ein Hauch von Handlung genügt, um den Leser zu rühren.
Wolfgang Borchert hat den Krieg als Grenadier in der russischen Steppe erlebt. Sein Werk ist aus dem wahren Leben geboren. So hatte er eine innere Verbindung zum Kriegsphänomen. Es war für ihn ein sehr intensives Erlebnis, das seine Lebensperspektive um neue Erfahrungen und Beobachtungen bereichert hatte. Den Sprachduktus für die Erlebnisse seiner Generation fand er also im eigenen Heimkehrerschicksal. Es muss jedoch kursorisch erwähnt werden, dass Wolfgang Borchert selber ganz anders aufgenommen wurde als seine Heimkehrer: seine Mutter holte ihn ab, anschlieβend fand er Arbeit im Theater und seinen Freundeskreis.
Ein „typischer“ Heimkehrer ist hilflos, er verfällt in Verzweiflung, er sehnt sich nach einer geordneten und sicheren Existenz. Seine Handlungen sind oft destruktiv. Borchert stellt in vereinzelten Episoden typisierte Situationen der Heimkehrer dar, deren Ende oft vage bleibt. Sie werden als verstörende Eindringlinge gesehen. Nirgends werden sie aufgenommen. Sie werden total desillusioniert. Borchert problematisiert die Lage der Heimkehrer in ihrem Verhältnis zur Vergangenheit. Sie erscheinen oft als groteske Eindringlinge, die ihre Unfähigkeit zum Weiterleben nicht verdrängen können. Sie verlangen nach Kontinuität – niemand zeigt sich jedoch bereit, ihnen zu helfen, die Erlebnisse der letzten Jahre zu bewältigen. Ihre Vorstellungen, Erwartungen sind an die Vorkriegszeit angeknüpft. Sie haben das Kriegstrauma – sie können an einen Neubeginn nicht denken, weil sie zuerst den Krieg im Kopf beendigen müssen, weil die eigene Vergangenheit unvollendet ist. Sie können mit der Vergangenheit nicht endgültig abbrechen. Dieser Aufgabe können sie nicht nachkommen. Trotzdem unternehmen sie einen aktiven Versuch, sich eine Lebensperspektive zu etablieren. Sie wandern, sie suchen die Wahrheit.
In der neuen Gesellschaft können sie nicht Fuβ fassen. Sie können sich in der neuen Ordnung, Gesellschaft nicht zurechtfinden. Sie sind für die Gesellschaft nicht mehr nützlich. Niemand bringt sie zu neuem Lebenswillen. Sie kämpfen um ihre Existenz. Sie versuchen ihre Ruhe wiederzugewinnen, das Gewissen reinzumachen. Auch ins Familienhaus können sie sich nicht begeben. Es gibt niemanden, dem sie die Verantwortung für den Krieg zurückgeben können.
Im guten Glauben haben sie einer schlechten Sache gedient. Sie sind betrogen worden. Die Visionen der Kriegsereignisse durchdringen ihr Bewusstsein und bedrücken ihr Gewissen. Die Schuldfrage ist die Frage der Existenz – sie sind mit Schuld beladen. Der eigenen Schuld, der Verantwortung können sie sich nicht entziehen. Sie sind am eigenen Schicksal mitschuldig, weil sie am Krieg widerstandslos teilgenommen haben. Sie wussten, dass es ihre Pflicht ist, in den Krieg zu ziehen. Es war keine freiwillige Entscheidung. Als Heimkehrer müssen sie für diese Schuld buβen. Niemand kann ihnen das Schuldgefühl nehmen. Sie müssen damit selbst fertig werden. Um den Weg zur Readaptation finden, müssen sie das Schuldgefühl überwinden. Der Schuldkomplex macht ihr Leben unmöglich. Um den inneren Konflikt zu überwinden, versuchen sie, die Schuld von sich abzuweisen. Die Schuld ist ein wichtiger Faktor für die Krise des Heimkehrers.
Mit sich selbst können sie nicht zurechtkommen. Auch von anderen werden sie nicht verstanden. Die Tragik ihrer Existenz liegt im Ausgeschlossensein. Ihr Grundgefühl ist unglücklich. Sie sind unfähig, Kompromisse zu schlieβen. Es gibt keine Hoffnung, die sie erneut erfüllen könnte. Immer wieder müssen sie Enttäuschungen erleben. Sie bedrückt die Erkenntnis, dass ihre Fragen vergeblich sind. Die Antworten müssen sie selbst finden. Die Last der Vergeblichkeit der Fragen erdrückt sie.
In vielen Kriegsheimkehrergeschichten ertönt die Spieβer-Kritik. Borcherts Geschichten enthalten eine sozialkritische Dimension: es handelt sich um die Konfliktsituation „Heimkehrer – Gesellschaft“. Ins Auge fällt, dass die Spieβer den Krieg glücklich überstanden haben. Ihe Bezugspunkt ist die Vorkriegszeit. Sie haben kein Verständnis für die Heimkehrer. Man verlangt von ihnen, dass sie den Krieg „rational“ verdrängen und weiterleben. Man sagt, der Krieg habe ihren Verstand verwirrt. Die Rückkehr in die bürgerliche Lebenswelt erweist sich für die Heimkehrer als unmöglich, weil ihre existentiellen Ansprüche verharmlost werden. Gutgelaunt, erfolgreich zeigen die Spieβer ihre unbewusste Positivität. Die dunkle Kriegszeit wird von ihnen negiert. Sie haben sich inzwischen gut eingerichtet und sind in alltägliches Leben verwickelt. Man verlangt von den Heimkehrern, dass sie weiterleben, ohne auf die Vergangenheit Rücksicht zu nehmen. Heimkehrer sind für sie Gespenster aus dem längst schon beendeten Kriege, Überbleibsel der Vergangenheit. Die Heimkehrer schauen die Gegenwart mit den Augen der Vergangenheit an, sie sehen alles verschwommen. In Augen der kritisierten Spieβer hat alles, was mit dem Krieg verbunden war, die Gültigkeit verloren. Die Gesellschaft erwartet von den Heimkehrern, dass sie ihre Auffassung von Schuld überprüfen und möglicherweise ändern. So können sie sich mit der Gesellschaft nicht mehr verständigen. Die Gesellschaft fühlt sich von jeder Verantwortung entlastet. Die Gesellschaft will sich der Verantwortung entziehen. Niemand bekennt sich zur Schuld. Ihre Klagen werden von den Menschen nicht wahrgenommen. Sie wollen wenigstens aufmerksam gehört werden. Die Gesellschaft überhört Vorwürfe. Die Heimkehrer setzen sich mit der Gesellschaftsordnung auseinander.
Quellen:
BRAEM, Helmut M. (1973): 1945-1955. In: Arnold, Heinz Ludwig (Hrsg.): Geschichte der deutschen Literatur aus Methoden. Westdeutsche Literatur von 1945-71. Band I. Athenäum Verlag: Frankfurt am Main.
KRÜGER, HORST: Ort meiner Niederlagen. In: Städte 1945, Berichte und Bekenntnisse. Hrsg. Ingeborg Drewitz, Köln/Düsseldorf (Diederichs) 1970.
MAYER, Hans (1988): Die umerzogene Literatur. Deutsche Schriftsteller und Bücher 1945-1967. Siedler Verlag: Berlin.
TANK, Kurt Lothar / JACOBS, Wilhelm (1973): Zwischen den Trümmern. In: Arnold, Heinz Ludwig (Hrsg.): Geschichte der deutschen Literatur aus Methoden. Westdeutsche Literatur von 1945-71. Band I. Athenäum Verlag: Frankfurt am Main.
1.8.11
Wolfgang Borchert (1921-1947)
Wolfgang Borchert wurde als einziger Sohn des Volksschullehrers Fritz und der Schriftstellerin Hertha Borchert 1921 in Hamburg geboren. Er ist in gesicherten bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen. Borchert übernahm die Glaubenslosigkeit seines Vaters. Er war ein mittelmäβiger Schüler, verlieβ die Schule ohne Abiturabschluss. Seine Eltern haben ihn dazu überzeugt, sich als Buchhändler ausbilden zu lassen. Die Kindheit und die Jugend waren das Paradies, an das sich der gefangene und später todkranke Schriftsteller erinnerte.
(www.aref.de)
Wegen Kritik am Nationalsozialismus wurde er verurteilt und inhaftiert. Er lernte den Krieg an der Front kennen. Im Krieg zog er sich Erkrankungen und eine Leberschädigung zu.
Der lebenshungrige Schriftsteller rafft sich auf, um aus seinem schwebenden Zustand herauszukommen. Vergeblich, weil es keine Wunderwaffe gegen die Krankheit gibt. Er hatte keine Möglichkeit, das Leben in vollen Zügen zu genieβen. Das Schreiben war für ihn die einzige mögliche Aktivität. Sein Eifer beim Schreiben war enorm. Borchert betrachtete es als eine Übergangslösung, er wollte bis zum Gesundwerden überhaupt etwas tun. Er stand schlieβlich im Zenit seines Lebens und dachte nichts ans Ende. Er gab sich alle erdenkliche Mühe, aktiv zu sein. Von den Zuständen mangelnder Motivation zum Schreiben war bei ihm nichts zu spüren. Bei dem Gedanken, nichts zu tun, packte ihn Widerwille. Obwohl das Leben ihn in diese schwierige Lage verwickelte, wollte er sich seinem hoffnungslosen Zustand nicht einfügen.
Wolfgang Borchert starb am 20. November 1947.
Sein ganzes Lebenswerk wurde vom Rowohlt Taschenbuch Verlag (natürlich mehrmals) in einem Band herausgegeben.
(www.amazon.de)
Wenn ich Borchert lese, muss ich immer an Georg Büchner denken.
Borcherts bekanntestes Werk ist das Heimkehrerdrama "Draußen vor der Tür".
Es ist eine Geschichte eines jungen Mannes, der nach dem beendeten Krieg nach Hause kommt (oder aber nach Hause kommen will). Es gibt aber kein Zuhause für ihn. Auch seine Zeitgenossen trafen auf die gleiche Gleichgütigkeit. Der Nordwestdeutsche Rundfunk hat das Stück als Hörspiel am 13. Februar 1947 gesendet. Es hatte eine enorme Resonanz. Borchert erhielt unzählige Briefe. Die Leser und Zuhörer eines Hörspiels haben Borchert in ihren Briefen gedankt – weil er der erste Schriftsteller in der unmittelbaren Nachkriegszeit war, der die Gesellschaft auf diese Problematik aufmerksam machte. Nach der erwähnten Sendung wurde der noch nicht 26-jährige Borchert zum gefragten und umworbenen Autor. Er hat einen neuen Ton angeschlagen und deutlich das Gefühl seiner Generation zum Ausdruck gebracht. Er war der erste, der die Fragen existentiell und radikal stellte, während viele die Nazizeit verdrängen und verschweigen wollten. Er sprach das Publikum direkt an.
Der Protagonist – Beckmann - ist ein Eindringling. Es ist ein Mann ohne Gesicht und ohne Identität. Er steht repräsentativ für seine Generation. Er hat Einordnungsschwierigkeiten und muss scheitern. In die bürgerliche Alltagswelt kann er nicht mehr zurückkommen. Seine Heimkehr ist verdorben. Niemand bemerkt seine Existenznot. Grausame Träume quälen ihn.
Die Tür symbolisiert im Stück die Hoffnung und die Hoffnungslosigkeit, die Geborgenheit und das Ausgeschlossensein.
Ausgewählte Fragmente des Stücks:
Ein Mann [Beckmann] kommt nach Deutschland. Er war lange weg, der Mann. Sehr lange. Vielleicht zu lange. Und er kommt ganz anders wieder, als er wegging. Äußerlich ist er ein naher Verwandter jener Gebilde, die auf den Feldern stehen, um die Vögel (und abends manchmal auch die Menschen) zu erschrecken. Innerlich – auch.
_________________________________
GOTT: Sie erschießen sich. Sie hängen sich auf. Sie ersaufen sich. Sie ermorden sich, heute hundert, morgen hunderttausend. Und ich, ich kann es nicht ändern.
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GOTT: Du bist der neue Gott, Tod, aber du bist fett geworden.
__________________________________
TOD: Na ja, ich hab in diesem Jahrhundert ein bißchen Fett angesetzt. Das Geschäft ging gut. Ein Krieg gibt dem andern die Hand. Wie die Fliegen! Wie die Fliegen kleben die Toten an den Wänden dieses Jahrhunderts.
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BECKMANN: Ich war nämlich drei Jahre lang weg. In Rußland. Und gestern kam ich wieder nach Hause. Das war das Unglück. Drei Jahre sind viel, weißt du. Beckmann – sagte meine Frau zu mir. Einfach Beckmann. Und dabei war man drei Jahre weg. Beckmann sagte sie, wie man zu einem Tisch Tisch sagt. Möbelstück weg. Stell es weg.
_________________________________
MÄDCHEN [zu Beckmann]: Du siehst so wunderbar traurig aus, du armes graues Gespenst: in der weiten Jacke, mit dem Haar und dem steifen Bein.
_________________________________
BECKMANN: Das habe ich gestern nacht auch den Mann gefragt, der bei meiner Frau war. In meinem Hemd war. In meinem Bett.
_________________________________
OBERST [der ehemalige Vorgesetzte Beckmanns]: Lieber junger Freund, Sie stellen die ganze Sache doch wohl reichlich verzerrt dar. Wir sind doch Deutsche. Wir wollen doch lieber bei unserer guten deutschen Wahrheit bleiben.
(…)
Ich habe aber doch stark den Eindruck, daß Sie einer von denen sind, denen das bißchen Krieg die Begriffe und den Verstand verwirrt hat.
_________________________________
BECKMANN: Und wo soll ich anfangen? Wo denn? Einmal muß man doch irgendwo eine Chance bekommen. Irgendwo muß man doch irgendwo eine Chance bekommen. Irgendwo muß doch ein Anfänger mal anfangen.
(…) Wo sollen wir denn anfangen? Wo denn? Wir wollen doch endlich einmal anfangen!
__________________________________
BECKMANN: Mit der Wahrheit ist das wie mit einer stadtbekannten Hure. Jeder kennt sie, aber es ist peinlich, wenn man ihr auf der Straße begegnet.
______________________________
BECKMANN: Ich bin nur ein schlechter Witz, den der Krieg gemacht hat, ein Gespenst von gestern. Und weil ich nur Beckmann bin und nicht Mozart, deswegen sind alle Türen zu. Bums. Deswegen stehe ich draußen. (…) Und weil ich ein Anfänger bin, deswegen kann ich nirgendwo anfangen. (…) Die Straße stinkt nach Blut, weil man die Wahrheit massakriert hat, und alle Türen sind zu. Ich will nach Hause, aber alle Straße sind finster.
_____________________________
BECKMANN: Das Leben ist so:
1. Akt: Grauer Himmel. Es wird einem wehgetan.
2. Akt: Grauer Himmel. Man tut wieder weh.
3. Akt: Es wird dunkel und es regnet.
4. Akt: Es ist noch dunkler. Man sieht eine Tür.
5. Akt: Es ist Nacht. Tiefe Nacht. Und die Tür ist zu. Man steht draußen. Draußen vor der Tür.
(www.aref.de)
Wegen Kritik am Nationalsozialismus wurde er verurteilt und inhaftiert. Er lernte den Krieg an der Front kennen. Im Krieg zog er sich Erkrankungen und eine Leberschädigung zu.
Der lebenshungrige Schriftsteller rafft sich auf, um aus seinem schwebenden Zustand herauszukommen. Vergeblich, weil es keine Wunderwaffe gegen die Krankheit gibt. Er hatte keine Möglichkeit, das Leben in vollen Zügen zu genieβen. Das Schreiben war für ihn die einzige mögliche Aktivität. Sein Eifer beim Schreiben war enorm. Borchert betrachtete es als eine Übergangslösung, er wollte bis zum Gesundwerden überhaupt etwas tun. Er stand schlieβlich im Zenit seines Lebens und dachte nichts ans Ende. Er gab sich alle erdenkliche Mühe, aktiv zu sein. Von den Zuständen mangelnder Motivation zum Schreiben war bei ihm nichts zu spüren. Bei dem Gedanken, nichts zu tun, packte ihn Widerwille. Obwohl das Leben ihn in diese schwierige Lage verwickelte, wollte er sich seinem hoffnungslosen Zustand nicht einfügen.
Wolfgang Borchert starb am 20. November 1947.
Sein ganzes Lebenswerk wurde vom Rowohlt Taschenbuch Verlag (natürlich mehrmals) in einem Band herausgegeben.
(www.amazon.de)
Wenn ich Borchert lese, muss ich immer an Georg Büchner denken.
Borcherts bekanntestes Werk ist das Heimkehrerdrama "Draußen vor der Tür".
Es ist eine Geschichte eines jungen Mannes, der nach dem beendeten Krieg nach Hause kommt (oder aber nach Hause kommen will). Es gibt aber kein Zuhause für ihn. Auch seine Zeitgenossen trafen auf die gleiche Gleichgütigkeit. Der Nordwestdeutsche Rundfunk hat das Stück als Hörspiel am 13. Februar 1947 gesendet. Es hatte eine enorme Resonanz. Borchert erhielt unzählige Briefe. Die Leser und Zuhörer eines Hörspiels haben Borchert in ihren Briefen gedankt – weil er der erste Schriftsteller in der unmittelbaren Nachkriegszeit war, der die Gesellschaft auf diese Problematik aufmerksam machte. Nach der erwähnten Sendung wurde der noch nicht 26-jährige Borchert zum gefragten und umworbenen Autor. Er hat einen neuen Ton angeschlagen und deutlich das Gefühl seiner Generation zum Ausdruck gebracht. Er war der erste, der die Fragen existentiell und radikal stellte, während viele die Nazizeit verdrängen und verschweigen wollten. Er sprach das Publikum direkt an.
Der Protagonist – Beckmann - ist ein Eindringling. Es ist ein Mann ohne Gesicht und ohne Identität. Er steht repräsentativ für seine Generation. Er hat Einordnungsschwierigkeiten und muss scheitern. In die bürgerliche Alltagswelt kann er nicht mehr zurückkommen. Seine Heimkehr ist verdorben. Niemand bemerkt seine Existenznot. Grausame Träume quälen ihn.
Die Tür symbolisiert im Stück die Hoffnung und die Hoffnungslosigkeit, die Geborgenheit und das Ausgeschlossensein.
Ausgewählte Fragmente des Stücks:
Ein Mann [Beckmann] kommt nach Deutschland. Er war lange weg, der Mann. Sehr lange. Vielleicht zu lange. Und er kommt ganz anders wieder, als er wegging. Äußerlich ist er ein naher Verwandter jener Gebilde, die auf den Feldern stehen, um die Vögel (und abends manchmal auch die Menschen) zu erschrecken. Innerlich – auch.
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GOTT: Sie erschießen sich. Sie hängen sich auf. Sie ersaufen sich. Sie ermorden sich, heute hundert, morgen hunderttausend. Und ich, ich kann es nicht ändern.
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GOTT: Du bist der neue Gott, Tod, aber du bist fett geworden.
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TOD: Na ja, ich hab in diesem Jahrhundert ein bißchen Fett angesetzt. Das Geschäft ging gut. Ein Krieg gibt dem andern die Hand. Wie die Fliegen! Wie die Fliegen kleben die Toten an den Wänden dieses Jahrhunderts.
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BECKMANN: Ich war nämlich drei Jahre lang weg. In Rußland. Und gestern kam ich wieder nach Hause. Das war das Unglück. Drei Jahre sind viel, weißt du. Beckmann – sagte meine Frau zu mir. Einfach Beckmann. Und dabei war man drei Jahre weg. Beckmann sagte sie, wie man zu einem Tisch Tisch sagt. Möbelstück weg. Stell es weg.
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MÄDCHEN [zu Beckmann]: Du siehst so wunderbar traurig aus, du armes graues Gespenst: in der weiten Jacke, mit dem Haar und dem steifen Bein.
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BECKMANN: Das habe ich gestern nacht auch den Mann gefragt, der bei meiner Frau war. In meinem Hemd war. In meinem Bett.
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OBERST [der ehemalige Vorgesetzte Beckmanns]: Lieber junger Freund, Sie stellen die ganze Sache doch wohl reichlich verzerrt dar. Wir sind doch Deutsche. Wir wollen doch lieber bei unserer guten deutschen Wahrheit bleiben.
(…)
Ich habe aber doch stark den Eindruck, daß Sie einer von denen sind, denen das bißchen Krieg die Begriffe und den Verstand verwirrt hat.
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BECKMANN: Und wo soll ich anfangen? Wo denn? Einmal muß man doch irgendwo eine Chance bekommen. Irgendwo muß man doch irgendwo eine Chance bekommen. Irgendwo muß doch ein Anfänger mal anfangen.
(…) Wo sollen wir denn anfangen? Wo denn? Wir wollen doch endlich einmal anfangen!
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BECKMANN: Mit der Wahrheit ist das wie mit einer stadtbekannten Hure. Jeder kennt sie, aber es ist peinlich, wenn man ihr auf der Straße begegnet.
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BECKMANN: Ich bin nur ein schlechter Witz, den der Krieg gemacht hat, ein Gespenst von gestern. Und weil ich nur Beckmann bin und nicht Mozart, deswegen sind alle Türen zu. Bums. Deswegen stehe ich draußen. (…) Und weil ich ein Anfänger bin, deswegen kann ich nirgendwo anfangen. (…) Die Straße stinkt nach Blut, weil man die Wahrheit massakriert hat, und alle Türen sind zu. Ich will nach Hause, aber alle Straße sind finster.
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BECKMANN: Das Leben ist so:
1. Akt: Grauer Himmel. Es wird einem wehgetan.
2. Akt: Grauer Himmel. Man tut wieder weh.
3. Akt: Es wird dunkel und es regnet.
4. Akt: Es ist noch dunkler. Man sieht eine Tür.
5. Akt: Es ist Nacht. Tiefe Nacht. Und die Tür ist zu. Man steht draußen. Draußen vor der Tür.
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